Amerika erleben. Hautnah

von Catriona

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Mono Lake

Die totale Sonnenfinsternis im August 2017 war der Hauptgrund für unsere Amerika-Reise, doch es war keinesfalls das einzig Interessante, was wir erlebten. Spannend waren vor allem die vielen Gegensätze während der Reise: riesige Städte neben der gewaltigen Natur, Meeresluft und kilometerhohe Berge, karge Landschaften und dicht bewaldete Gebiete, Temperaturen von 0°C bis über 40°C und das alles in zwei Wochen.

Meine Mutter brachte meinen Vater und mich am 11. August 2017 zum Flughafen Schönefeld, sie selbst kam nicht mit. Der Flug startete um 11 Uhr, über Oslo flogen wir nach Oakland im US-Bundesstaat Kalifornien am östlichen Ufer der Bucht von San Francisco. Etwa um 17 Uhr landeten wir, zu Hause war es 2 Uhr in der Nacht, denn die Zeit war für uns um 9 Stunden nach hinten verschoben. Wir ließen San Francisco recht schnell hinter uns und fuhren in Richtung des Lassen Volcanic National Parks. Ich hatte die Karte in der Hand, die bei unangenehmen 40°C wenigstens etwas Schatten spendete. Je näher wir dem Nationalpark kamen, desto bergiger wurde es. Mit Erreichen des Waldes und in größerer Höhe wurde die Temperatur angenehmer. Wir bauten unser Zelt auf und sahen uns den Nationalpark oder eher einen kleinen Teil davon an. Einer der Wanderwege war tatsächlich noch wegen Schnees gesperrt, obwohl es Mitte August war und wir in T-Shirt und kurzer Hose herumliefen. Am Abend entschieden wir uns noch zu einer kleinen Wanderung zu den Ridge Lakes, wo wir mit ein paar Chipmunks (Streifenhörnchen) und zwei Hirschen allein waren. Die Landschaft dort oben ist wunderschön, wild und ungezähmt, ursprünglich. Die Luft ist sauber und trägt einzig den Geruch der Wildnis mit sich.

Am nächsten Tag nahmen wir die geplante Wanderung zum Lassen Peak in Angriff. Schon am Parkplatz, dem Start, lagen noch fast drei Meter Schnee. Glücklicherweise war der Pfad nach oben aber nicht gesperrt. Wir passierten beim Aufstieg noch einige Schneefelder und erreichten den Gipfel 700 Meter über dem Startplatz nach zwei Stunden um etwa 13.30 Uhr. Der Lassen ist insgesamt 10 457 Fuß hoch, das sind etwa 3187 Meter. Die Aussicht von dort ist atemberaubend schön, die Weite unbegreiflich. Kein Foto wird dem gerecht, was ich dort sah und fühlte: Freiheit, Ehrfurcht, Staunen und auch Stolz, dass ich den Aufstieg geschafft hatte. Anfangs war es wolkenfrei, dann zogen Quellwolken auf, die nach unserem Abstieg den Gipfel einhüllten.

Am nächsten Tag verließen wir nach einer Wanderung zum Echo-Lake den Nationalpark und fuhren wieder in Richtung Küste, wo wir nahe Eureka übernachteten. Dort kauften wir Verpflegung und fuhren weiter zum Redwood National Park. Anfangs war noch alles „normal“, doch dann sahen wir die ersten Baumriesen. Die Giganten ragen eindrucksvoll in den Himmel, Zeugen der Zeit, die schon so viel überdauert haben. Hier ist man winzig, schaut staunend zu den uralten Mammut-Riesen auf und versucht, ihre Größe zu begreifen. Ein Menschenleben ist kaum etwas im Vergleich zu ihnen, nur ein kurzer Augenblick in den 2000 bis 3000 Jahren, die sie bereits dort stehen. Fotos von den Baumriesen sind kaum möglich. Wie soll man auch einen 200 bis 300 Meter hohen Baum auf ein Bild quetschen? Die Riesen wirken am besten auf einem Bild im Größenvergleich mit einem Menschen. Der höchste gemessene Baum ist 115,5 Meter hoch und überragt damit sogar die Freiheitsstatue. Unser Campingplatz lag nah an der Küste, die durch den Dunst gelblich-orange, auffällige Färbung des Taghimmels gab der Landschaft eine weiche, warme Farbe, ähnlich wie bei einem Sonnenuntergang. Dem Hinweis einer Verkäuferin aus Eureka folgend fuhren wir noch zum Fern-Canyon. Die Straße dorthin war abenteuerlich: steil, kurvig, eng und staubig. Es passten gerade so nur zwei Autos aneinander vorbei, auf der einen Seite war ein Graben und der Hang auf der anderen Seite fiel steil in die Tiefe ab. Aber es hat sich gelohnt, der Fern Canyon ist wirklich schön: Von einem Flüsschen ausgehöhlt wachsen zu beiden Seiten Farne an den steilen, nassen Wänden. Die Fahrt ging weiter, nochmals an den Baumriesen vorbei   und schließlich über die Grenze nach Oregon.

Am nächsten Tag führte uns unser Weg in Richtung Crater Lake. Je weiter wir fuhren, desto dunstiger wurde es; mehrere Waldbrände waren die Ursache. Immer wieder passierten wir Tafeln, die die Waldbrandgefahr auf höchster Stufe anzeigten: EXTREME. Am Crater Lake angekommen sicherten wir uns einen Zeltplatz und fuhren auf der Kante des Kraters entlang, brachen diese Tour aber ab, da vom See durch zu viel Rauch kaum etwas zu sehen war. Am Morgen des folgenden Tages erwartete uns klarer, blauer Himmel, denn der Wind hatte gedreht. Nun war der Crater Lake in seiner wunderschönen, tiefblauen Ganzheit zu sehen. Ruhig schwappte das Wasser an den Rand, die Farbe faszinierend klar und unbeschreiblich intensiv. Und wieder kann kein Foto widerspiegeln, was meine Augen sahen: diesen einmalig blauen Farbton auf dem riesigen, stillen See.

Auf dem Weg in Richtung Sonnenfinsternis legten wir bei einem Obsidian Flow eine Pause ein. Die großen Glasstücke glänzten tiefschwarz in der warmen Sonne, alt und noch immer scharfkantig. Ebenso spannend war die Lava-Cave etwas weiter. Wir kamen erst kurz vor Schließzeit dort an, es war keine Zeit mehr, etwas Wärmeres anzuziehen. Also liehen wir uns eine Lampe und betraten die Höhle, die sich wie ein Tunnel einige Kilometer weit hinzieht. Stark und rau wölbte sich das erstarrte Gestein über uns und hielt das warme Sonnenlicht ab. Als wir nach einer guten Stunde wieder ans Licht kamen, meinte einer der Ranger, dass wir in der Höhle bei 40°F (5°C) die einzigen in T-Shirt und kurzer Hose gewesen wären. Dabei hatte ich die Kälte gar nicht sehr gespürt, vermutlich durch die ständige Bewegung. Wir gerieten abermals in den Rauch der Waldbrände, ließen ihn aber bis zum Abend hinter uns und schlugen unser Zelt auf einem Campingplatz mitten im Nirgendwo auf. Die Staubwolken am Horizont leuchteten in kräftigen Rot-, Orange- und Gelbtönen, als die Sonne in ihnen versank. – Es war bereits der 20. August und wir machten uns auf den Weg in die Totalitätszone der Sonnenfinsternis. In einem National Forest darf man, sofern nicht ausdrücklich verboten, überall zelten. Dieser Hinweis eines netten Campers rettete uns vor überfüllten, vollkommen überteuerten Zeltplätzen. Auf einer großen Wiese mitten im Wald schlugen wir unser Zelt auf und trafen auf ein paar andere, nette Camper. Am nächsten Tag erwarteten wir alle ungeduldig die lang ersehnte Sonnenfinsternis. Das Wetter hätte nach einer sehr kalten Nacht nicht besser sein können, als sich die Welt um uns langsam verdunkelte. Die Temperatur sank, es wurde leiser und schließlich flog der Schatten des Mondes über den Himmel, nahm uns das Sonnenlicht und brachte die Nacht über uns. Die Korona strahlte und nach einiger Zeit war wieder ein winziger Lichttropfen der Sonne zu sehen, strahlend wie Diamant, hell und schön. Unbeschreiblich. (vgl. Ausgabe 01/2018)

Der nächste Tag bestand zum größten Teil aus der Autofahrt quer durch den Bundesstaat Idaho; erst am Abend erreichten wir den Yellowstone Nationalpark. Wir liefen einen kurzen Rundweg zu ein paar Geysiren, ehe wir unsere Freunde aus Deutschland sahen. Wir hatten uns auf dem Campingplatz verabredet, denn die drei hatten sich die Sonnenfinsternis an anderer Stelle angesehen und kamen uns nun entgegen. Am Folgetag schauten wir dem Geysir Old Faithfull beim Ausbruch zu: Ruhiges Blubbern, Schwefelgestank, dann erste kleine Ausbrüche und schließlich die Fontäne, kräftig, weiß in die Luft schießend, eine Fahne durch den Wind ziehend. Nach einigen Minuten trat schließlich wieder Ruhe ein, die letzten Tropfen fielen zum Boden. Wir wanderten anschließend an mehreren Mudpods, heißen Quellen und dampfenden Spalten entlang. Ein Bison auf der Mittellinie der Straße sorgte später für Stau. Das große, starke Tier trottete gemütlich vor sich hin und zwischen den Autos entlang, sich seiner Kraft wohl bewusst und unerschrocken vor den begeisterten Menschen.

Am Tag darauf ging unsere Reise weiter durch den Grand Teton Nationalpark. Zu unserer Rechten erhoben sich majestätisch und rau die uralten Berge, Giganten, die uns weit überragten und im Winter kaum zu überqueren sind. Wir fuhren weiter zu den Craters of the Moon, wo ich am Abend einen ersten Eindruck der fremdartig wirkenden Landschaft erhielt. Im Tageslicht machten wir einige Wanderungen und trafen zum letzten Mal in diesem Urlaub – und zufällig – auf unsere deutschen Freunde. Der Wind wehte über die karge, zerfurchte, von Vulkangestein überzogene Ebene, die einer Mondlandschaft glich. Scharfe, dunkle Kanten ragten auf, der Weg war nur abschnittweise zu sehen. Höhlen, düster kalte Schlunde taten sich auf in dieser ewigen, heißen Landschaft. Der Indian Tunnel war einer der schönsten Abschnitte: zuerst finster, einer Höhle gleich angenehm kühl und doch von Sonnenlicht durchwoben, das durch Spalten gebündelt hineinschien. Groß, mächtig und zugleich von mystischer Schönheit wölbte er sich über uns. Unsere Fahrt ging weiter nach Nevada. Karges Grasland, verdorrt und doch am Leben. Die Hügel flirrten in der heißen Luft, wir waren allein in der Weite des Landes. Abends fanden wir einen wundervollen Campingplatz am Angel Creek, einer lebensspendenden Ader in der Trockenheit. Nach einer kurzen Wanderung durch das Grün an See und Bach ging die Reise weiter. Wir fanden eine uralte Tankstelle, noch immer in Betrieb und mit entsprechender Zapfsäule ausgerüstet.

Als wir die Grenze zu Kalifornien überquerten, wechselte die Vegetation schlagartig und der Mono Lake kam in Sicht, auch die Temperaturen waren wieder angenehm. Wir besuchten eine verlassene Goldgräberstadt, die „Geisterstadt“ Bodie. Die alten Holzhäuser stehen noch immer, ebenso das Werkzeug und sogar die Einrichtung der Häuser. Es heißt, wer etwas mitnimmt wird vom Pech verfolgt, entsprechende Berichte konnte man sich durchlesen. Zurück am Mono Lake staksten wir mit den Beinen im Wasser herum. Es war ein lustiges Gefühl, denn durch den hohen Salzgehalt gab es einen starken Auftrieb. Die Beine fühlten sich danach an wie in Schmierseife getränkt. Wir entschieden uns zu einem Bad und kramten die Badesachen raus. Tausende kleine garnelenartige Tierchen schwammen dabei gegen mich. Wegen des durchsichtigen Körpers konnte man fast nur die schwarzen Augen erkennen, putzige kleine Tierchen. Am angenehmsten war das Rückenschwimmen, einfach hinlegen und das war es. Auf den Bauch gedreht musste man sich etwas Mühe geben, den Körper unter und den Kopf über Wasser zu behalten. Das Kunststück, die Beine auf den Boden zu stellen, war dann doch nicht so schwer wie erwartet. Danach war eine klare Dusche mehr als angenehm.

Schließlich machten wir uns zum letzten Nationalpark auf: Yosemite. Die anfangs klare Luft wurde erneut durch Waldbrände getrübt. Im Tal war alles voller Besucher, es gab kaum ein Durchkommen, sodass wir wieder in höhere Regionen flohen. So wanderten wir zu ein paar Sequoias, einer anderen Art von Baumriesen. Die Stämme waren noch breiter, aber dafür nicht so hoch wie die der Redwoods. Abermals stand ich staunend vor den stummen, riesigen Zeitzeugen. Eine beeindruckende Erfahrung! Eine, die unter die Haut geht und lange nachwirkt.

Nach zwei wunderbaren Wochen brachte uns das Flugzeug über Oslo zurück nach Berlin. Müde und um so viele Erfahrungen, Eindrücke und Erinnerungen reicher.

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