Den Büchern unter die Haut

Von Antje Born, Abi 2017, ehemals Redaktion (Layout und Chefredakteurin) des „Überfliegers“

Antje in der Werkstatt

Antje in der Werkstatt

Nachdem ich meine Handwerkslehre zur Buchbinderin begonnen habe, kann ich mittlerweile auf fast ein Jahr Erfahrung im buchbinden zurückblicken. Eine wichtige Station in dieser Zeit war das Auslandspraktikum in der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB). In der Ernst-Litfaß-Schule (Oberstufenzentrum für Mediengestaltung und Medientechnologie) wurde uns das Erasmus+ Programm vorgestellt. Mithilfe der GEB (Gesellschaft für Europabildung) erhalten junge Menschen, die sich im Studium oder in der Ausbildung befinden, die Möglichkeit, ein Auslandspraktikum zu absolvieren. Man wird finanziell unterstützt, kann sich den Zeitraum und die Aufenthaltsdauer (mindestens 1 Monat) und das EU-Land aussuchen. Meine Wahl fiel auf Österreich. Warum? Es wurde mir empfohlen. Abgeraten wurde mir als Buchbinderin tatsächlich von anderen Ländern wie Italien oder Frankreich. Das Problem ist, dass der handwerkliche Beruf des Buchbinders wie wir ihn hier in Deutschland kennen, nicht überall auf gleiche Weise praktiziert wird. Dort geht oft Verpackungstechnologie mit der Buchbinderei einher und für mich ist das nicht das Wahre gewesen. Und in England würde man mich erst gar nicht annehmen wollen, da die Engländer sehr eigen sind. Das ist einfach ein eingeschworener Verein.

Im Vorfeld musste ich sehr viel organisieren und von meinem Chef unterschreiben lassen. Ein neuer Personalausweis musste her, da der natürlich während des Auslandsaufenthaltes abgelaufen wäre. Und ich brauchte einen Meldezettel, da die Österreicher ebenso auf bürokratische Richtigkeit stehen wie wir Deutschen. Zwei Wochen vor Beginn bekam ich eine Nachricht von der ÖNB, dass sie mich gerne als Volontärin nehmen würden. Von da an stand ich gefühlt unter Strom und konnte den Tag kaum erwarten. Mitte März ging plötzlich alles sehr schnell. Noch am Samstag (17.03.) feierte ich meinen 20. Geburtstag mit Freunden nach und schon am nächsten Tag saß ich im Zug. Auf der 10-stündigen Fahrt wurde ich von Sara begleitet, die ebenfalls dieselbe Berufsschule wie ich besucht und eine Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin macht. Ihr Praktikumsplatz war die Wiener Zeitung, das heißt DIE Wiener Zeitung. Die vier Wochen in Wien würden wir zusammen in einer Unterkunft verbringen. Wir fuhren von Berlin aus bis zum Hauptbahnhof Prag, von dort fuhr ein Zug weiter bis nach Wien. Am Abend kamen wir endlich an.

Am nächsten Tag ging es sofort los. Ich sollte erst um 9:30 Uhr in der ÖNB sein, aber ich war überpünktlich um 7 Uhr da. Die Zeit brauchte ich schließlich auch, da ich per Mail eine mir kryptische Wegbeschreibung erhalten hatte. Es war der 19. März und unerbittlich kalt. Mit dem Emailausdruck in der Hand lief ich zum Heldenplatz mit der Prinz-Eugen-Reiterstatue. Dort stand ich etwas orientierungslos herum und ging noch einmal um das Gebäude bis hinter zum Burggarten. Ich fragte bestimmt mehr als 8 Leute, wo der Sicherheitsdienst sei – ich dachte, es gäbe nur einen, weil ich das gesamte Gebäude für die Nationalbibliothek hielt – und gelangte irgendwie in den 3. Stock der Sicherheitsabteilung des Parlaments. Ich wusste nämlich nicht, dass das Parlament gerade saniert wurde und sich deshalb das Gebäude mit der Nationalbibliothek teilte. Dem netten Sicherheitsmann zeigte ich meinen E-Mailausdruck und er lachte ein bisschen: „Da müssen Sie noch einmal raus und zum Josefsplatz. Finden Sie hin?“ Ja, klar! Also wieder raus und durch die vielen Tore zurück. Am Josefsplatz fand ich endlich den unscheinbar kleinen Eingang und konnte gegenüber vom Kartenverkauf meine Sicherheitskarte abholen und zum Abteilungsleiter gehen. Der war heillos überfordert, dass die Volontärin (trotz einstündiger Odysee) anderthalb Stunden zu früh aufschlug.

Die Buchbinderwerkstatt der Österreichischen Nationalbibliothek befindet sich auf der vorderen Seite des Heldenplatzes. Ich wurde über etliche Treppen und durch ebenso viele Gänge geführt. Es

Roman von 1925

Roman und Kurzgeschichten von 1925

ist eine recht beschauliche Werkstatt mit großen Werktischen und den mir auch aus meinem Betrieb vertrauen Geräten: Hebel- und Handpressen, eine hydraulische Presse und Pappscheren. An der Wand standen mehrere Dutzend Geweberollen. Mir wurde gezeigt, wie man Buchrücken repariert und Seiten instand hält. Dann ging ich den Büchern „unter die Haut“, genau genommen unter den alten, meist lockeren Buchrücken, den ich zunächst abnehmen musste. Viele der Bücher hatten Gelenke, die schon sehr zerrissen, oder gar nicht mehr vorhanden waren. Ich fertigte mit einer dünnen Pappe, dem Schrenz, und einem farblich passenden Gewebe einen neuen Rücken an. Dann kam der spannende Teil, nämlich das ranfriemeln. Der neue Rücken musste gut passen und an den Deckel gearbeitet werden. Mit Knochenfalzbein, Skalpell, Schere und Pinsel machte ich mir daran zu schaffen. In der Werkstatt arbeiteten vier Leute, wodurch eine sehr ruhige Atmosphäre herrschte. An den ersten zwei Tagen wollte ich vorbildlich sein und alles schnell erledigt haben. Dann merkte ich am eigenen Leib, dass das Arbeitstempo im öffentlichen Dienst nicht mit der privaten Marktwirtschaft zu vergleichen ist. Ich solle „goanz in Ruhe“ machen und mich nicht hetzen, sagte man mir. Nach einer Woche hatte ich mich immer noch nicht an diese Gelassenheit gewöhnt. Wenn ich aber daran dachte, wie wir in der Buchbinderei in Potsdam manchmal „am Rad drehen“, wenn ein Auftrag schnell raus muss, wollte ich über meine entspannte Situation in Wien überhaupt nicht klagen. Einige Techniken wie z.B. das Klebebinden kannte ich bereits aus meinem Betrieb. Und doch macht es jeder anders. Und gerade das war der spannende Teil. In einem handwerklichen Beruf ist es wichtig, über den eigenen Werktischrand zu schauen, um zu sehen, wie man etwas auch anders machen kann. So warten wir bei uns im Betrieb nicht wie in der Wiener Werkstatt, bis der Leim leicht auf dem Material angetrocknet ist, um dann erst weiterzuarbeiten. Das ist etwas komplett Neues für mich. Als mein Arbeitskollege Manfred mir etwas zeigen wollte, hielt er die mit Leim beschmierte Pappe in der Hand und wartete. Für einen kurzen Moment dachte ich, er habe vergessen, was er als Nächstes tun müsse. Aber nein, es muss „picken“, dann ist es perfekt. Natürlich will einem jeder sagen, wie es nun wirklich am besten geht, aber das muss man selbst manchmal rausfinden. Während des Praktikums hatte ich dann auch das erste Mal die Freiheit, mir Zeit zu lassen bei meinen Arbeitsschritten und zu beobachten, wie etwas am besten klappt.

Von Mittwoch bis Freitag hatte ich die Möglichkeit mit Klaus zur Restaurierung zu gehen. Das ist ein extra Bereich. Klaus ist wie alle anderen gelernter Buchbinder und sogar Meister. Er arbeitet

reparaturbeduerftige alte Bücher

Wiener Restaurierungswerkstatt: beschädigte alte Bücher

mal in der Buchbinderei, mal in der Restaurierung. Das erste Mal staunte ich nicht schlecht: Unter der Nationalbibliothek befindet sich ein Irrweg aus Gemäuern, Türen und Treppen. Als ich nach zwei Wochen wieder einmal mit Klaus zur Restaurierung ging, meinte er plötzlich: „Jetzt läuft’s mal vorn weg und I geh di hinterher.“ Stolz wie Oskar führte ich uns einmal unten durch. Insgesamt ist das ein Weg von 10 Minuten, bis man am Fahrstuhl ankommt und in die oberen Stockwerke gelangt. Die Werkstätten der Restaurierung erstrecken sich über zwei Etagen. Es gibt mehrere Räume mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Einige Restauratoren beugten sich über großformatige Tuschezeichnungen auf Papier oder Passepartouts, andere brüteten über Goldschnitten. Manche Bücher besitzen an den Schnittkanten des Buchblocks einen Goldschnitt, somit ziert jede einzelne Seitenkante eine zarte Schicht Gold. Üblicherweise werden alle drei Seiten mit einem Goldschnitt versehen, aber es gibt auch Bücher, die nur oben oder oben und vorne heraus einen besitzen. Einem Lehrling im ersten Jahr kann man natürlich noch nicht die wertvollsten Exemplare in die Hand drücken. Aber die Anforderungen steigerten sich von Tag zu Tag. Klaus und ich fingen damit an, Barcodes auf Japanpapiertaschen zu kleben, um diese wiederum hinten in den Büchern mit Methylcellulose zu befestigen. Irgendwann reichte er mir ein Buch nach dem anderen und sagte, was ich damit machen sollte, z.B. Japanpapierstreifen in der richtigen Farbe und Stärke wählen und damit den Buchrücken ausbessern; bei kaputten Gelenken ebenfalls weißes Japanpapier nehmen und immer Methylcellulose zum Kleben verwenden. Wenn Bücher schreckliche Eselsohren hatten, dann musste ich mit Pinsel und Ethanol die Ecken aufweichen und sie mit einem Metallstäbchen aufbiegen und zurechtlegen. An der Wand hing ein Poster mit Abbildungen aller Schädlinge, die ein Buch befallen können. Ein Kribbeln lief mir kurz über die Haut, als ich dann kleine angeknabberte Stellen in der Mitte eines Buches gezeigt bekam. „Des woar oain Bücherskorpion“, wurde mir erklärt.

Da es dazugehört, besuchte ich auch den Prunksaal der ÖNB. Dieser Saal ist wohl das erste Bild, welches man vor Augen hat, wenn man an die Österreichische Nationalbibliothek denkt. Als ich das erste Mal im Prunksaal stand, wusste ich nicht, in welche Richtung ich schauen sollte. Die unzähligen Eindrücke kamen alle auf einmal: das beeindruckende Kuppelfresko, der glänzende Marmorboden, die meterhohen Bücherregale aus dunklem Holz, die insgesamt 200.000 Bücher von 1501 bis 1850 fassten und die mit Bildern und Symbolen verzierten Globen, angeordnet um die Kaiserstatue Karls VI im Zentrum des Saals. Und überall blitzte Gold hervor.

Im Laufe der Wochen merkte ich, dass man sich mit Österreichern am allerbesten über das Essen unterhalten kann. Mir wurden zahlreiche Empfehlungen ausgesprochen von Topfengolatschen, bis Punschkrapfer, über Käsekrainer und Schwedenbomben. Wenn ich im Pausenraum mit meinen Kollegen saß, tauschten wir uns nicht nur angeregt über das Essen aus, sondern vor allem auch über die Sprache und den Dialekt. Ich versuchte österreichischen Dialekt zu imitieren, sie den brandenburgischen und Berliner Dialekt.

Vier Wochen gingen an diesem schönen Arbeitsplatz in Wien furchtbar schnell vorbei. Als ich im März ankam, war es noch kalt und ich fror wie verrückt in meiner Winterjacke. Während meiner letzten Arbeitswoche brachen die Knospen auf und ich konnte in der warmen Sonne im T-Shirt umherlaufen. Das machte es mir nicht gerade einfacher, wieder nach Hause zu fahren. Eigentlich hätte ich auch lieber noch einen weiteren Monat in Wien verbracht.

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