Ud Joffe. Potsdamer Vollblutmusiker

Interview von Merle (05/16)

Ud Joffe ist 48 Jahre alt und seit 18 Jahren Dirigent in Potsdam. Er wurde in Israel, genauer gesagt in Ramat Gan, einer Kleinstadt direkt bei Tel Aviv, geboren.

Bild nicht verfügbar!

Ud Joffe im Interview mit Merle

Merle: Welche Schulbildung haben Sie?
Ud Joffe: Ich habe es tatsächlich geschafft, die Schule abzuschließen. Ich war damals in der Grundschule bis zur achten Klasse und danach in der High School. Das ist das System in Israel. Dann habe ich Abi gemacht und begann mein vierjähriges Bachelorstudium in Jerusalem. Vier Jahre sind sehr lang für ein Musikstudium. Trotzdem habe ich mich noch ein Jahr in Paris weitergebildet und später in Berlin an der damaligen „Hochschule der Künste“ (HdK) mein zweites Diplom abgeschlossen.

M: Was tun Sie beruflich in Potsdam?
UJ: Ich arbeite als ausgebildeter Orchesterdirigent und Chorleiter in Potsdam. Ganz genau bin ich Leiter der Musik an der Erlöserkirche. Was nicht gleich heißt, dass ich der Kirchenmusiker bin. Bei uns ist das geteilt in „der Leiter der Musik der Erlöserkirche“ und „der Organist“, wobei der Organist die Gottesdienste spielt. Bevor ich gebeten worden bin diesen Posten zu übernehmen, gab es noch den A-Kirchenmusiker, jemanden der alles macht. Diese Stelle hat man eingestellt und nach einer anderen Lösung gesucht. Schließlich fragte man mich, ob ich die Ensembleleitung übernehmen würde. Mein Vorgänger hat weiter die Orgeldienste gespielt, aber ich habe die Ensembleleitung übernommen. Dazu gehörten die Potsdamer Kantorei und später noch andere. Daraus wurde die Musik an der Erlöserkirche ein breiter kultureller Begriff mit städtischen Elementen. Sie wird also nicht nur von der Kirche, sondern auch von der Kommune getragen. Deswegen haben wir eine breitere Kulturarbeit, wie zum Beispiel die Orchesterarbeit, die natürlich keine kirchliche, ureigene Aufgabe ist.

M: Gab es einen Auslöser für Ihren Berufswunsch?
UJ: Der Wunsch ist entstanden. Wenn man mich mit 14 Jahren gefragt hätte, ob ich Dirigent werden möchte, hätte ich verneint; ich war nicht so gut. – Ich habe immer Musik gemacht. Ich habe immer ein Instrument gespielt. Mit 16 Jahren habe ich angefangen, auf der Gitarre Pop und Rock zu spielen. Pink Floyd, Jimi Hendrix, das ganze Programm. Erst mit 17 habe ich dann auch klassische Musik ge-spielt. So habe ich in Jerusalem begonnen, klassische Gitarre zu studieren und erst später im Studium wollte ich zum Dirigieren wechseln. Das Dirigieren hat mich mehr interessiert, war anspruchsvoller. Erst habe ich Chorleitung, dann Orchesterleitung studiert und schon hat Europa auf mich gewartet. Ich war noch nicht ganz im Klaren, in welchem Beruf ich am Ende landen würde. Es gibt nämlich sehr viele Berufe, die diese Ausbildung voraussetzen und dann bist du z.B. Leiter eines Festivals oder Dra-maturg an einer Oper. Ich denke, dass weniger als 50 Prozent derjenigen, die Dirigieren studieren, auch Dirigenten werden. Insofern war es auch mir nicht sofort klar. Das entstand schließlich aus meiner Lie-be zur Musik, meiner Liebe zur Arbeit mit meinen Mitmenschen und auch durch meine von Natur cha-rakteristische Eigenschaft, gern da vorne zu stehen und ein Ensemble zu leiten. Also jemand, der die Musik organisiert, der ein paar Anweisungen gibt, der mit der Gruppe arbeitet und dann schließlich Dirigent ist. So entstand dieser Beruf übrigens auch historisch. Vor 500 Jahren gab es keinen Dirigen-ten heutiger Art. Diese moderne Dirigentenrolle gibt es vielleicht seit 200 Jahren.

M: Sie können Gitarre spielen. Hier sehe ich ein Klavier. Gibt es noch andere Instrumente, die Sie spielen?
UJ: Ja, ich kann mehrere Instrumente schlecht spielen. *lacht* Ich bin in der Instrumentenwahl ge-sprungen. Ich war ein verdammt guter Gitarrist, aber irgendwann habe ich die Gitarre weggelegt und begann Klavier zu spielen, denn für das Studium als Dirigent muss man Klavier spielen können. Ich bin kein Virtuose, bekomme es aber auf die Reihe, mal hier zu begleiten oder mal da etwas vom Blatt zu spielen. Diese beiden Instrumente beherrsche ich gut. Jetzt hat mein Sohn angefangen, Klarinette zu spielen. Da gab es für mich keinen anderen Weg, als es auch einmal ein bisschen zu spielen. Sonst klopfe ich auf jeden Gegenstand, der in meiner Nähe ist. *klopft rhythmisch auf den Tisch*. Ich bin ein sehr rhythmischer Mensch, wollte auch immer ein bisschen drummen.

M: Sind sie in einer musikalischen Familie aufgewachsen?
UJ: Mein Vater war musikalisch. Wir hatten ein Klavier zu Hause, wie es sich in einem kulturell gebil-deten Hause gehört, aber ich habe ihn nicht oft daran erlebt. Meine Mutter war nicht musikalisch, hat aber viel klassische Musik gehört, die ich als Jugendlicher natürlich schrecklich fand. Ich habe lieber meinen Rock, Pop und Jazz gehört. Trotzdem hat es mich ein bisschen geprägt. Ich habe auch viel deutsche Musik gehört. Wagner, Strauß, diese Heavy-Schinken. Im Endeffekt kam das wohl von mir. Meine Eltern erzählen, dass ich schon mit drei Jahren am Klavier hing und von unten ein paar Töne spielte. Dann habe ich als kleines Kind ein paar Jahre Klavier gespielt, wieder aufgehört und danach fünf Jahre lang Posaune gespielt. Stimmt, die habe ich vorhin vergessen! Damit habe ich wieder aufge-hört und Gitarre gespielt. Von einem Instrument zum anderen. Aber der Musikschwerpunkt lag schon in mir drin.

M: Sie erinnern sich bestimmt noch an Ihr erstes Konzert?
UJ: Als Instrumentalist habe ich nach dem Abitur, noch vor dem Militärdienst oder war das während des Militärs …? Jedenfalls habe ich schon vor meinem Studium sehr schöne südamerikanische Musik auf meinem ersten Konzert in Jerusalem gespielt. Mein erster großer Auftritt als Dirigent war mein Ab-schlusskonzert an der HdK. Gegen die Vorstellungskraft meines Professors habe ich doch irgendwie siebzig bis achtzig Leute zusammengesucht. Er dachte, es wäre viel zu viel, viel zu groß und dass ich das nicht bewältigen würde. Letztendlich führten wir mit vierzig Leuten im Chor und vierzig Leuten im Orchester in der Paulskirche in Berlin die C-Moll Messe von Mozart in 50 Minuten auf. Dieses Werk gleich in der ersten Aufführung war schon ein großer Brocken, aber ich bin ein „Projektdurchknaller“.

M: Das bedeutet …?
UJ: So muss man sein als Dirigent. Du musst einfach sagen: „Das mache ich!“ und dann sagen die Leute: „Ne, das geht nicht.“ – „Doch!“ – „Und wieso?“ – „Weil ich das mache!“… Dann schaffst du es auch. Du verausgabst dich bis an die Grenzen; wenn möglich, schläfst du vier Tage nicht, um die Noten zu lernen, um alles an seinen Platz zu schleppen, um die Beleuchtung selber aufzustellen, um die Flyer und Programmhefte zu schreiben, um sie zu drucken und zu falten. Du musst ein „Projekttier“ sein.
Unabhängig davon muss man mindestens ein paar Dinge im Leben richtig durchsetzen, denn das wird keinem geschenkt. Schließlich war es sehr gut als erste Erfahrung, sich auch gegen Widerstand durch-zusetzen und an sich zu glauben. Alles ist möglich. Dann gehst du eben zum Copy-Shop und kopierst 50 Plakate und läufst im Kiez, in meinem Fall in Zehlendorf, herum, gibst bei jedem Laden eins ab und plakatierst, was das Zeug hält. Am Tag des Konzerts war die Kirche voll und es wurde ein Erfolg.

M: Warum sind Sie nach Berlin gekommen, um hier zu studieren?
UJ: Ich respektierte sehr die Chortradition, die zu 50 Prozent deutsch ist. Auch war ich zu Hause in-strumental von der Berliner Philharmonie geprägt. Mein Vater hat für unser deutsches Grammophon immer zuerst Platten der Berliner Philharmoniker gesucht, möglichst mit Karajan. Wenn es die nicht gab, hat er andere Orchester oder Dirigenten ausgesucht. Ich hatte damals auch die Möglichkeit, in Stuttgart bei einem tollen Chorleiter zu studieren oder in England oder Dänemark. Aber dieser Berli-ner-Philharmoniker-Bonus, der Bonus der Großstadt Berlin, auch der Opernhäuser war stärker. Als ich nach Berlin kam, gab es neun Orchester! Man konnte jeden Tag ein anderes Konzert besuchen. Manchmal musste man sich sogar an einem Tag zwischen zwei Konzerten entscheiden. Wahnsinn! Das gibt es sonst nirgends auf der Welt! Ich habe genau genommen dort, in der Philharmonie studiert. Ich war auch an der HdK und klar, wir hatten Unterricht, aber DAS zu erleben, war besonders. Manchmal war ich bei allen Proben, von der ersten bis zur letzten, dabei. Ich saß da irgendwo versteckt im Zu-schauerraum, das durfte man nicht immer, und habe erlebt, wie alle großen Namen der Welt probten. DAS ist Schule. Da siehst du ganz genau: Wie fängt es an? Was sagt der Dirigent? Was trägt er dazu bei? Ist das seine Leistung oder die des Orchesters? Was konnte er ändern? Was nicht? Wo hat er ein-gelenkt, wo blieb er stur? Das sind wertvolle Prozesse. Auch das Verhältnis zwischen Dirigent und Orchester, zwischen ihm und den Solisten, ist spannend. Wann ist wer von wem genervt? Das war die MUSIK. Das war genau der musikalische Bonus, deswegen musste es Berlin sein.
Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Geschichte. Es war 1993. Berlin 93! Das waren nur vier Jahre nach der Wende. Der ganze Osten war spannend, in vielen Häusern waren noch Einschusslöcher. Auf dem Potsdamer Platz war gar nichts. Von der Philharmonie bis zu den ersten Häusern hinterm Brandenburger Tor war ein Kilometer nichts, wo vorher die Mauer stand. Die Alliierten waren noch da, haben sich später mit Paraden verabschiedet. Was man hier erleben konnte, war ein hoch spannender Prozess. Es war eine Schnittstelle. Berlin war der Ort, von dem aus Adolf Hitler diesen ganzen deutschen Wahnsinn ins Rollen brachte. Berlin hat mich fasziniert.
Auch wegen der Sprache habe mich nicht für England und nicht für Dänemark entschieden. In Israel sprechen wir hebräisch, Englisch ist die zweite Sprache, die man in der Schule erlernt. Man beherrscht am Ende der Schulzeit ein gutes Englisch. Ich konnte aber kein Wort französisch oder deutsch sprechen. Das sind zwei Weltsprachen, ohne die dir die Kultur verschlossen ist. Ich wollte Bücher lesen, Librettis erstellen, Texte unmittelbar verstehen. Ich wollte nicht stundenlang sitzen und übersetzen, ich wollte unmittelbar verstehen, unmittelbar interpretieren. Ich wollte die Sprache spüren und nicht wis-sen, dass es so und so heißt. Das ist keine Grundlage für musikalische Arbeit. Deswegen war mir klar, dass ich in diesen zwei Sprachräumen Frankreich und Deutschland studieren muss.

M: Das heißt, Sie haben erst in Deutschland die deutsche Sprache gelernt?
UJ: Genau. Angefangen habe ich eigentlich im letzten Monat davor in Paris mit einem Buch des Goe-the-Instituts gelesen und zehn Lektionen Deutsch. Dann konnte ich schon sagen: „Ich heiße Ud Joffe und ich möchte studieren“. Da es ein musikalisches Studium war, funktionierte das so. Mein Professor hat das damals sehr salopp gesagt: „Die müssen sehen, dass man sich irgendwie deutsch verständigen kann.“ Für ein anderes Studium hätte ich bestimmt erst ein Jahr einen Sprachkurs belegen müssen, aber Musik ist ja immer zugleich Musik. Ich habe also praktisch Deutsch auf der Straße gelernt und bis heu-te ist es nicht perfekt.

M: Sie sind nicht in Berlin geblieben. Warum nun doch Potsdam?
UJ: Ich war schon wegen des Studiums zweieinhalb Jahre in Berlin und noch ein weiteres Jahr, um an der TU zu studieren. Ich habe diese Großstadt erlebt und gelebt. Dann kam die Anfrage aus Potsdam für vorerst zwei Jahre. Zuerst wohnte ich weiter in Berlin und bin ein Jahr lang gependelt. Im Novem-ber 1997 habe ich hier angefangen und im Frühjahr 1999 ist meine Frau für ein Jahr nach Japan geflo-gen. Sie hat Japanologie studiert. Deswegen bin ich nach Potsdam gezogen. Als meine Frau wieder in Deutschland war, musste sie sich erst mit Potsdam anfreunden. Jetzt lieben wir es: den Kiez, die Ge-gend, ein Traum, wenn man Kinder hat. Potsdam ist in den letzten 15 Jahren zu einem der begehrtes-ten Wohnorte geworden. Ich hatte genug von Großstädten. Genug Berlin, genug Paris, genug Jerusa-lem.

M: Sie lieben offensichtlich ihren Beruf?
UJ: Mein Beruf und wie ich ihn ausübe, ermöglicht mir, mein Leben und meine Persönlichkeit auszule-ben. Ich wäre wohl nicht in der Lage, eine gleichmäßig geregelte Tätigkeit zu ertragen. Spätestens am vierten Tag würde ich mich langweilen. Hier besteht die Möglichkeit, verschiedene Dinge sehr kreativ zu gestalten, sie mit Philosophie, Einstellung und Lebenssituation zu verbinden. Das ist letztendlich das Schöne, wenn deine Kunst immer mit deinem Leben verbunden ist. Du nimmst musikalische Stücke und interpretierst. Zwischen den verschiedenen möglichen Auseinandersetzungen in der Musik musst du dich entscheiden, dir genau überlegen, was du betonst, was du unterstreichst. Das sind letzt-endlich die Konsequenzen aus unserem Leben. Das ist weder abstrakte noch absolute Kunst. Das ist die Kunst in deinem Leben, das ist dein Leben als Künstler.

M: Hatten Sie ein Vorbild oder einen Lehrer während der Studienzeit?
UJ: Ich habe meinen Gitarrenlehrer damals sehr für eine bestimmte Klarheit in seinem Charakter be-wundert. Genauso einen meiner Professoren an der Uni. Das war das, was mich als Student beeindruckt hat: Charakter. Mein Gitarrenlehrer hatte eine Phrase gespielt und sie war richtig, sie saß. Natür-lich wissen wir, es gibt kein Richtig und kein Falsch. Er hatte die Reife eines Künstlers, der nicht un-verbindlich sucht, sondern der die Sachen einfach richtig platzierte. Diese Eigenschaft habe ich sehr, sehr verehrt. Trotzdem habe ich mich danach in eine völlig andere Richtung gewendet. Ich finde es einfach schön, wenn ein Künstler eine Handschrift bekommt, einen Charakter. Der kann sich auch in seinem Leben ändern, aber das ist vielleicht das, was man „Reife“ nennt.

M:Sie haben bereits Orchester und Chöre dirigiert. Ziehen Sie eines dem anderen vor?
UJ: Der Unterschied besteht weniger darin, ob es ein Vokal- oder Instrumentalensemble ist, sondern darin dass es bei Chören in der Regel Laienchöre und bei Orchestern in der Regel Profiorchester sind. Ich habe nur mit Profiorchestern gearbeitet, da hatte ich Glück. Bei den Chören hatte ich die ganze Palette. Die Potsdamer Kantorei ist ein Laienchor. Der Kammerchor war ein semiprofessioneller Chor und dann habe ich auch mit professionellen Chören gearbeitet. Mit der Potsdamer Kantorei zu arbeiten, ist lohnenswert, auch im Vergleich zum Orchester oder zu Profichören. Zwar bringen sie technische Defizite mit, aber dafür kein musikalisches Ego. Ich kann mit ihnen im Rahmen ihrer technischen Grenzen wie mit Knete arbeiten. Oft sind diese technischen Grenzen nicht so entscheidend. Und sie wollen!
Vokal und Instrumental haben beide etwas Einzigartiges. Vokal hat diesen Klang und eine intellektuel-le und geistreiche Verbindung zum Text. Instrumental hingegen ist manchmal einfach… geil. Ganz einfach geil. *lacht* Die Klangmöglichkeiten sind oft viel breiter. Die Klangfarben und die Struktur-möglichkeiten eines Orchesters sind viel breiter als die rhythmischen und klanglichen Strukturen eines Chores. Am schönsten ist es natürlich, wenn du beides hast. Bei oratorischen Werken ist es ein Traum, also bei der Chorsinfonik. Deswegen mache ich auch viel Chorsinfonik.

M: Komponieren Sie selbst?
UJ: Nein, auch wenn es mich manchmal juckt. Ich habe zu großen Respekt vor diesem Beruf. Wahrscheinlich ist das auch ein Grund, warum viele Menschen oder viele Musiker heute nicht komponieren. Wir haben einfach einen so beeindruckenden und großen Fundus von Genies der Geschichte. Allein, wenn man Bach gegenübersteht, muss man demütig feststellen, dass so ein Naturereignis einmal in tausend Jahren passieren kann.

M: Schätzen Sie, wie viele Notenschlüssel Sie schon in Ihrem Leben geschrieben haben?
UJ: Ähm.. *zählt symbolisch am Finger* lass es 3570 sein.

M: Die Musik welcher Epoche, welches Komponisten dirigieren Sie besonders gern?
UJ: Keine Frage, Bach mag ich sehr, sehr gern. Wahrscheinlich habe ich seine Werke auch am meisten dirigiert. Es gibt kein Jahr, in dem ich nicht Bach dirigiere. Mindestens die H-Moll Messe, das Weihnachtsoratorium oder eine Passion. Neben Bach gibt es Komponisten, die ich auch sehr mag, die ich hier aber nicht so oft aufführen kann. Es passt entweder nicht in das Profil oder es trifft nicht den Ge-schmack der Leute.

M: Gibt es ein Orchester, einen Chor, mit dem sie gern einmal arbeiten würden?
UJ: Wenn die Berliner Philharmoniker anrufen und fragen, ob ich einspringen könnte, würde ich auch von heute auf morgen eine ganze Partitur lernen. Im Chorbereich hatte ich glücklicherweise schon Möglichkeiten, mit super Vollprofis zu arbeiten. Ein großes Sinfonieorchester oder ein philharmoni-sches Orchester auf einem Top-Niveau in der Hand zu haben, ist schon genial. Ich hatte einmal die Gelegenheit, mit dem Deutschen Sinfonieorchester zu arbeiten. Das ist schon groß, was die klanglich und technisch drauf haben. Aber ich bin auch sehr zufrieden mit meinem Profiorchester.

M: Sie haben mit dem Chor des Hans-Otto-Theaters gearbeitet und Sie sind mit dem Poetenpack bei einem ihrer Konzerte selbst in eine Rolle geschlüpft. Liegt ihnen etwas am Theater?
UJ: Im Hans-Otto-Theater war ich mit dem Neuen Kammerchor Potsdam. Dieser avancierte zum Opernchor Brandenburgs, sodass wir überall im Land Brandenburg Opernproduktionen begleitet haben. Theater liegt mir natürlich, weil ich die Verbindung von Chorsinfonik, die Verbindung von Wort, Musik und Drama liebe. Das würde ich gern ein bisschen mehr machen. Ich habe beim Stadtwerkefest immer wieder große Opernabende veranstaltet; wir haben „Carmen“ Open Air gespielt, danach „Romeo und Julia“. Also gern ein bisschen mehr davon!

M: An welchen Orten der Welt haben sie dirigiert?
UJ: Da ich hier nach dem Studium sofort geschnappt worden bin, kam ich gar nicht mehr so viel rum. Da wir auch sofort, nachdem meine Frau aus Japan zurückgekommen ist, unsere erste Tochter und wenige Jahre später unseren Sohn bekommen haben, bin ich ziemlich schnell ein Familienmensch ge-worden. Ich hatte dann nicht mehr so sehr den Drang noch mal weg zu fahren. Insofern bin ich sehr sesshaft hier in Potsdam. Ich habe in den Ländern Israel, Polen und Deutschland dirigiert. In Deutsch-land und Israel an verschiedenen Stellen.

M: Ist das Dirigentendasein ein harter Beruf?
UJ: Ich denke, das kann man nicht verallgemeinern. Das ist, als ob ich sage: „Rechtsanwalt zu sein, ist ein harter Beruf“. Dabei machen manche Verwaltung und andere die spannenden Morddelikte des Lan-des. Es kann so oder so sein. Aber doch, es ist nicht einfach. Du musst die gute Mischung finden zwischen „sich durchsetzen“ und „nicht dadurch unerträglich werden“ Du musst wissen, wann du nicht der Dirigent bist. Du musst auch lernen, die Dominanz runter zu schrauben, sonst verlierst du sogar bestimmte Ebenen im Leben, weil du ständig der Leiter bist. Klar, das ist irgendwie mit dem Charakter verankert, aber genau das ist der Spagat: Genau zu wissen, an welcher Stelle der Wille durchzusetzen ist und wann man nicht zu unmöglich wird. Sonst wird es keine künstlerische Leistung.

M: Wie bereiten Sie sich auf ein Konzert vor?
UJ: Das ist ein langer Prozess. Kurz vor dem Konzert hat man eigentlich schon alles gemacht. Es be-ginnt mit den dramaturgischen Gedanken. Was passt wozu? Welche Spannung will ich erzeugen? Was will ich damit sagen? Was ist das Unterhaltsame, was das Geistreiche? Dann geht es bei den konkreten Werken zur Vertiefung. Welche Instrumente braucht man? Dann müssen die richtigen Leute besetzt werden. Und natürlich lernst du die Partituren. Ich analysiere die Stücke immer sehr genau, um mög-lichst viel darüber zu wissen. Man darf auch nicht zu viel wissen, die Balance zwischen Impuls und Wissen ist sehr wichtig. Dann geht man in die Proben. – In den zwanzig Jahren habe ich meine Einstel-lung geändert. Gleich nach dem Studium wollte ich zeigen, dass ich perfekt bin, dass ich alles kann. Ich habe jede Partitur so gelernt, dass man mich fragen konnte, ob das bei Beethoven im 3. Satz, Takt 27 für die Oboe ein fis oder ein f ist. Dadurch kann Spannung entstehen, wenn du soweit bist, aber das Orchester noch nicht. Dann gab es eine Phase, in der ich mich weniger vorbereitet habe. Nach dem Motto: „Okay, ich weiß jetzt alles. Sei nicht zu genau vorbereitet, dann hast du mehr Platz für das, was von den Leuten kommt.“ – Mittlerweile ist es eine Mischung zwischen „gut vorbereitet“ und „nicht festgelegt sein“. Du bist hier nicht der einzige Musiker; sie sind alle Musiker! Du bist nicht der Einzige, der die Musik macht. Du bestimmst nicht alles, du ermöglichst es. Beim Dirigieren sollte man „nicht stören“, auf keinen Fall die Musikalität der Musiker stören. Man muss es entstehen lassen. Wenn du diesen Prozess hinter dir hast, kommt das Konzert. Das unterschätzen die Leute oft.

M: Ist bei einem Konzert schon einmal ordentlich was schief gelaufen?
UJ: Zumindest nicht so, dass es peinlich vor dem Publikum war. Das Peinlichste passierte einmal bei einem großen Stück, als der ganze Bläsersatz einen Takt zu früh eingesetzt hat und über 50 Takte bis zur Fermate falsch gespielt hat. Die Streicher und die Bläser liefen dann einen Takt versetzt, das war furchtbar. Der Kritiker schrieb: „Diese Stelle ist nicht gelungen, die war ein bisschen aggressiv.“ Schatz, die war überhaupt nicht gut. Tonika und Dominanta waren so versetzt! Und du stehst da und musst das irgendwie mit geschlossenen Ohren und Augen hinbekommen.

M: Gab es in ihrem Leben eine schönste Überraschung oder einen besonderen Moment?
UJ: Der Moment, als meine erste Tochter oder auch die anderen Kinder geboren wurden. Das zu erle-ben, ist einfach ein Wunder! Wie kann das sein, ein Mensch kommt da heraus! Vorher ist er nicht zu sehen, nur der Bauch. Heute kriegst du Fotos ab drei Monaten der Schwangerschaft. Wir haben schon Fotos vom dritten und fünften Monat an Oma geschickt. Schon läufst du mit einem Foto im Porte-monnaie herum und zeigst es jedem. Ich beneide euch Frauen, dass ihr das machen dürft und wir nur zugucken können.

M: Nach welchen Kriterien suchen Sie die Werke für ihre Konzerte aus?
UJ: Manchmal gibt es ein Stück, das man unbedingt machen will. Manchmal hat man eher eine große Idee. Eine gute Idee für ein Konzert könnte ein Pfeiler am Anfang und am Ende sein. Was wählen wir dazu? Nehmen wir vielleicht etwas Bekanntes, das die Leute kennen? Da haben wir zwei dramatische Werke… Was machen wir mit den anderen Konzerten? Noch eine andere Epoche? Dann gehen wir nach Osteuropa. Dann hat man vielleicht aus zwei Werken einen Impuls und du suchst etwas Gesam-tes. Aha, okay! Und dann basteln wir. Dann brauche ich für die Besetzung, die wir haben, noch etwas für fünfzig Minuten, gerne etwas Spritziges. Dann hast du die drei Kriterien und musst suchen, was passt.

M: Aha! * Was ist neben der Musik aus Ihrem Leben nicht wegzudenken?
U: Meine Familie, aber auch nicht neben, sondern vor der Musik. Sonst die Kunst. Malerei, Lyrik und Dichtung.

M: Sie malen und schreiben auch?
UJ: Ich male ein bisschen, seit 2007. Da habe ich einen Kurs in Berlin besucht und mich befreit. Das ist ein nettes Hobby. Worte schreibe ich vor allem für viele Programmhefte und da, wo ich sonst Texte schreiben kann. Als Jugendlicher habe ich immer, wenn ich mich verliebt hatte, geschrieben.

M: Pflegen Sie seltsame Angewohnheiten?
UJ: Manche würden sagen, dass alle meine Angewohnheiten seltsam sind. Aber… *denkt lange nach* das müssten Sie meine Frau fragen. Aber ich würde sagen, dass meine seltsame Angewohnheit die Lie-be zur Lindt Schokolade ist.

M: Zum Abschluss ein paar fiktive Fragen.
Sie dürften sich in ein Musikinstrument verwandeln. Welches wählen Sie?
UJ: Cello!

M: Warum ausgerechnet das?
UJ: Es ist unglaublich kraftvoll! So emotional.

M:
Sie dürften sich an einen beliebigen Ort oder in eine längst vergangene Epoche beamen lassen. Welche wählen Sie?
UJ: Als Kind habe ich sehr oft dieses Bild vom „Wilden Westen“ gehabt. Wow! Dort zu leben in die-ser großen Weite – Whuuu – *schwingt imaginäres Lasso*. Das sah so romantisch aus. Sonst würde ich schon in manche spannenden europäischen Epochen zurückgehen. Oder biblische Momente erleben! Wie war das? Herumzulaufen in Jerusalem um Null der Zeitrechnung, das wäre schon spannend!

M: Sie dürfen eine Persönlichkeit der Vergangenheit oder Gegenwart treffen. Wem wollen Sie begegnen?
UJ: Ich hätte schon gerne Picasso bei der Arbeit gesehen – und Bach. Das würde mich total interessieren. Was für ein Typ war das? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.

M: Was würden Sie sagen oder fragen?
UJ: Ich würde ihn einfach gern erleben. Er fasziniert mich. Möglicherweise wäre ich dann auch enttäuscht, ein sächselndes, vielleicht ungeduldiges Genie zu erleben.

M: Dann haben Sie jetzt das letzte Wort.
UJ: Ne, ne… Ich rede schon genug. Also gut:
Ich wünsche allen Kindern oder Jugendlichen, die das lesen, erst einmal den Glauben an sich selbst. Ihr sollt immer wissen, dass ihr richtig seid, egal wie ihr seid. Seid mutig und habt keine Angst, Fehler zu begehen! Nur aus Fehlern lernen wir. Nicht durch Gelingen, durch Fehler. Macht mit Freude Fehler, geht weiter und verkrampft nicht daran. Verliert nie die Freude und den Mut, einen Weg zu gehen. Ihr seid immer richtig, so wie ihr seid. Dann war das jetzt doch ein Schlusswort. *lacht*

Kommentar verfassen