Sehr sparsam gelebt

Georg Jopke prägte 40 Jahre lang das Gesicht der BNN. Der frühere Chefredakteur schreibt bis heute für die PNN – mit ihm sprachen die Potsdamer Schülerinnen Tanja Wehling und Tabatha Erdmann von der Schülerzeitung „Lenné-Überflieger“, die in diesem Jahr den Schülerzeitungspreis des Landes Brandenburg erhalten hat

Herr Jopke, wir sind Redakteure einer Potsdamer Schülerzeitung. Haben Sie bereits als Schüler Artikel geschrieben?
Ich habe bis 1945 die Mittelschule besucht, da gab es solche Gelegenheiten nicht. Aber später entdeckte ich schnell meine Liebe zum Schreiben. Über einen Zick-Zack-Weg bin ich 1952 bei der BNN gelandet.

Die Entwicklung der DDR durchlief deutlich verschiedene Phasen. Die 50er Jahre beispielsweise waren geprägt durch den Stalinismus unter Walter Ulbricht. Die Presse der DDR war gleichgeschaltet.War in dieser Zeit überhaupt eine Berichterstattung möglich, die in irgendeiner Weise kritisch war?
Eine Berichterstattung war möglich. Wir hatten die Möglichkeit, über lokale Dinge zu schreiben. Beispielsweise über die Gründung von Produktionsgenossenschaften im Handwerk, Aufbaugeschehnisse oder wie Betriebe sich entwickelt haben. Darüber konnten wir schreiben und haben wir auch geschrieben. Nationale und internationale Themen waren Aufgabe der staatlich gelenkten Agentur Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst ADN.

Im Gespräch. Die Schülerinnen der Lenné-Gesamtschule Tanja Wehling (li.) und Tabatha Erdmann fragen Georg Jopke nach seiner Arbeit bei den BNN. Georg Jopke war von 1952 bis 1992 bei den BNN und von Oktober 1978 bis 31. März 1992 Chefredakteur. Er führte die Zeitung gemeinsam mit seinem Redaktionsteam von der BNN zur PNN. Foto: Andreas Klaer

Wurden Artikel zensiert?
Wir waren eine parteigebundene Zeitung und wir sollten, mussten und durften auch über die Gründung von Parteiorganisationen schreiben. Von der Parteiführung bekamen wir „Hinweise“, wie wir uns zu verhalten haben. So brachten wir einmal eine Meldung, wie viele Personen aus Potsdam und dem Umland in Westberlin tätig sind. Diese durften nach der Währungsreform nicht mehr in Westberlin arbeiten. Die mussten sich beim Arbeitsamt melden und sollten dann hier vermittelt werden. Wie viele davon heimlich abgedampft sind, haben wir natürlich nicht berichtet. Im Wesentlichen war es klar, dass es darum ging, wieder ein normales Leben herbeizuführen.

Welche Voraussetzungen musste man erfüllen, um in der DDR Chefredakteur einer regionalen Zeitung zu werden?
Das war unterschiedlich. Der erste längerfristige BNN-Chefredakteur Doktor Hempelmann war Akademiker. Eine journalistische Vorbildung hatte er meiner Meinung nicht.Weiterhin hatten wir noch einen Nachrichtenredakteur Doktor Kraus, der ebenfalls Vollakademiker war, aber auch ohne journalistische Vorbildung. Dann hatten wir einen langjährigen Politikredakteur Hans-Ullrich Hoffmann, der vorher als Schriftsetzer tätig war und sich dann zum Nachrichtenredakteur fortgebildet hat. Einfach auch, weil er vom Schriftsatz Ahnung hatte. Eine gewisse Vorbildung musste man schon haben. Im Laufe der Zeit bildeten sich Fachhochschulen für Journalistik, und das brachte natürlich viele Redakteure, die nach Abschluss ihres Studiums auch zu uns kamen.

In einem Artikel zu Ihrem 80. Geburtstag heißt es, dass die BNN zu DDR-Zeiten die Zeitung für die Leute in Potsdam gewesen sei, „die mit der SED nichts zu tun haben wollten“? Die NDPD war eine mit der SED verbündete Blockpartei, die sich in ihrer Politik nicht von der SED unterschied. Kann man also davon ausgehen, dass die BNN als ihre Bezirkszeitung tatsächlich eine annähernd oppositionelle Haltung bezog?
Die Partei erwies sich als Bündnispartner der SED. Und wir als Parteizeitung der NDPD hatten natürlich auch die Verpflichtung, uns so zu benehmen und wir wollten das auch. Aber natürlich gab es hin und wieder Spannungen. Direkte Opposition haben wir nicht betrieben. Alle Parteien hatten den Auftrag, sich um bestimmte Bevölkerungsschichten zu kümmern. Wir kümmerten uns um Handwerk, Gewerbe und Mittelstand und um deren Wohl. Naja, es war schon eine zentrale Vorgabe.

Welche Rolle spielte die Staatssicherheit in der Redaktion der BNN?
1990/91 stellten wir fest, dass drei Redakteure aus verschiedenen Ressorts von uns für die Stasi als inoffizielle Mitarbeiter Nachrichten übermittelt haben. Zu DDR-Zeiten wussten wir noch nicht, wer für die Stasi arbeitete. Nach der Wende konnten wir Einsicht nehmen.

War die Existenz, das Fortbestehen der BNN oder PNN zu irgendeiner Zeit gefährdet?
Eigentlich nicht. Doch im Grunde haben wir immer sehr sparsam leben müssen. Jeder Redakteur hatte eine Summe, die er im Monat als Honorar ausgeben konnte. Eines Tages haben wir festgestellt, dass ein Ressortleiter sein Budget total überzogen hatte. Dazu gab es dann eine „besondere“ Redaktionskonferenz und dann wurde er kräftig zur Ordnung gerufen. Das mussten wir schlucken. Aber ich muss sagen, es war doch immer ein sehr sparsames Leben.

Wie veränderte sich die Berichterstattung der BNN in den 70er und 80er Jahren?
Es hat sich etwas in der Technik verbessert. Wir mussten Bleizeilen herstellen, damit gedruckt werden konnte. Das waren Maschinensatzzeilen und Handsatzzeilen. Die wurden von Handsetzern zusammengezimmert. In der Friedrich-Engels-Straße haben wir gedruckt. Zeitweise haben wir die Lokalseite für die Stadt und den Kreis Brandenburg auch in einer dortigen Druckerei zusammengestellt. Eine Botin musste dann mit der geprägten Pappe nach Potsdam fahren, damit unsere Brandenburger Seite in die Zeitung eingefügt werden konnte. Inzwischen hatten wir auch schon einen Fernschreiber. Obwohl das in den 70er Jahren auch noch ein Problem darstellte. Wenn man per Telefon eine aktuelle Meldung an die Chefredaktion geben wollte, saß am anderen Ende eine Dame, die erst einmal alles in Steno aufzeichnete und dann in die Maschine hackte. Dadurch war es teilweise sehr schwer, wenn es um fremde oder ungewöhnliche Sprachen ging. Die musste man einzeln buchstabieren.
Wir durften über lokale Dinge schreiben. Nationales und Internationales war Aufgabe der staatlich gelenkten Agentur.

Welche Position bezog die BNN in der Gorbatschow Ära, also zwischen 1986 und 1989?
Natürlich haben wir mit offenen Ohren hingehorcht. Wir haben gehofft, dass es nun tatsächlich einen Wandel geben würde. So, dass man auch mal laute, harte Worte sagen kann gegenüber der Partei- und Staatsführung und dass sich auch die Lebensbedingungen ein bisschen verbessern würden. Wir haben doch damals alle etwas unter Mangel gelitten. Aber einiges hatte sich ja doch schon gebessert. Die Wohnungsnot hat sich langsam abgeschwächt. Auch Potsdam hat neue Stadtviertel wie Stern, Schlaatz und Waldstadt bekommen. Ende der 80er Jahre konnten verschiedene Leute aus der DDR nach Westdeutschland zu Verwandten fahren. Und da wollten wir auch etwas von der Welt sehen.

Wie berichtete die PNN über die Demonstrationen 1989, die schließlich zum Sturz des Regimes führten?
Wir haben ausführlich über die Demonstration in Potsdam berichtet. Mit Text und Bild. Wir konnten von da an auch immer mehr selbstständig schreiben in politischen Dingen, da der ADN auch angeschlagen war, der keinen Vorgesetzten mehr hatte. Die Entwicklung zu einer Demokratie haben wir unterstützt. Auch mit persönlichen Anliegen und Wünschen, in der Hoffnung, dass es nun doch eine demokratische Form geben konnte.

Gab es in Ihrer Redakteurslaufbahn Begegnungen mit „besonderenMenschen“?
Eine ganze Menge.Woran ich immer gerne denke: Als Lokalredakteur in Brandenburg hatte ich auch einige Funktionen im Sport. Damals ging es um das Entstehen der Regatta-Strecke. Dort wurde eine Rudermeisterschaft der Frauen mit Teilnehmern aus vielen Ländern veranstaltet. Das war für mich deswegen ein Erlebnis, da kurz darauf Frauenrudern zur Olympischen Disziplin erklärt wurde. Nun durften auch Frauen um dieOlympiamedaillen kämpfen und nicht nur die Männer. Diese Begegnung hat mich irgendwo auch ein bisschen stolz gemacht. Als weiteres habe ich einen langjährigen Oberbürgermeister in Brandenburg sehr geschätzt. Max Herm, ein alter Kommunist, kurzzeitig auch Reichstagsabgeordneter der KPD. Der ist nach 1945 Oberbürgermeister geworden, da er strammer Kommunist war, und dort habe ich ihn sehr verehrt. Ich kann mich noch erinnern an eine große Beratung oder ein Parteigremium, als dort einer vorschlug, am Karfreitag wieder einen Aufbaueinsatz zumachen, um Kriegstrümmer zu beseitigen, und die ganze Stadt aufgerufen werden sollte, mitzumachen. Dann trat der Oberbürgermeister auf und sagte: „Ich bin entschieden dagegen! Wir als Arbeiter wollen den 1. Mai als Feiertag haben und dann müssen die Christen auch das Recht haben, am Karfreitag in die Kirche zu gehen.“

Wie haben Sie als Chefredakteur der Zeitung die Wende erlebt?
Wir haben sehr aufmerksam all das verfolgt, was sich zugetragen hat und haben noch einmal die Möglichkeit genutzt, darüber zu berichten, was hier passiert. Wo demonstriert wird, wo sich Gruppierungen gebildet haben. Zum Beispiel in der Friedenskirche oder in Babelsberg.

Wodurch unterschied sich die Arbeit bei der PNN nach 1990 von der sozialistischen Ära der Zeitung?
In erster Linie ist es die technische Herstellung. Es hat sich auch sehr schnell gezeigt, dass unsere Existenz auf dem Spiel steht. Die NDPD hatte sich aufgelöst und wir hatten im Grunde keinen mehr, dem wir gehorchen mussten.
Nach 1990 hat sich sehr schnell gezeigt, dass unsere Existenz auf dem Spiel steht. Die NDPD hatte sich aufgelöst.

Der Heinrich-Bauer-Verlag in Hamburg versorgte uns mit neuer Technik. Computer wurden eingeführt. Alle mussten lernen, wie man mit ihnen umgeht. Wir haben uns geöffnet und bauten gute Beziehungen zu Manfred Stolpe, Detlef Kaminski und Matthias Platzeck auf.

Wie frei ist heute die Berichterstattung?
Ich glaube schon, dass es eine freie Berichterstattung ist.

Kann man sagen, dass Journalismus Ihr Leben bestimmte?
Ich würde schon sagen, ja. Es gibt allerlei schöne Erlebnisse. 1958 bin ich zur Fußballweltmeisterschaft nach Schweden gefahren und habe dort ausführlich berichtet und hin und wieder lese ich mir auch noch einmal durch, was ich damals geschrieben habe.

Haben Sie das Gefühl, etwas bewegt zu haben?
Den Wandel nach 1990 haben wir aktiv begleitet, auch für lokale und kommunale Probleme. Ich war lange Zeit im Vorstand vom Verein Kulturerbe Potsdam und habe verschiedene Dinge begleitet, wie die Restaurierung verschiedener Baulichkeiten, wie die Kirche in Sacrow. Ich habe mich lange Zeit engagiert für die Bürgerinitiative am Stern. Über die kommunale Entwicklung in Raum Teltow und Kleinmachnow habe ich dann auch berichtet. Denn Teltow war damals ein sagenhaft großer Industriestandort.

Werden Sie je aufhören zu schreiben?
Im Augenblick schreibe ich immer noch ein bisschen. Wenn ich etwas Aktuelles erlebe in Stadt oder Land, dann schreibe ich das auch noch ganz gerne auf. Ich habe einen Computer zu Hause, und von dort schicke ich dann meine Texte los. Das würde ich auch weiterhin so sehen. Zwar nicht ganz vorneweg marschieren, aber es gibt immer wieder Dinge, die man eben so erlebt. In der Natur oder im Baugeschehen schaue ich immer noch nach Berichten.

Das Interview führten Tabatha Erdmann und Tanja Wehling. Die PNN hat den Redakteuren der Schülerzeitung
der Lenné-Gesamtschule angeboten, ein Interview mit dem früheren Chefredakteur zu führen. Die beiden
Schülerinnen der 11. und 12. Klasse haben die Chance genutzt.

Quelle: PNN, 01.05.2011

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