Wenn Geschichte zur Gegenwart wird…

Zeitreise: der Deutsch-Leistungskurs 13 zurück in der Romantik

Weihnachten im Klassenraum ist „alle Jahre wieder“ nicht der Brüller! Im Dezember 2011 verlegte der Deutsch-Leistungskurs der 13er Weihnachten kurzerhand ins 18./19. Jahrhundert und erweckte die Epoche der deutschen Romantik zum Leben. In Romantik-Roben oder weiten, weißen Hemden, mit bunten Halstüchern dekoriert, in schwarzen Anzügen, mit Zylinder oder Hauben auf dem Kopf stellten wir Schüler/innen berühmte Künstler, Dichter und Denker dar, die sich in einem literarischen Salon trafen, um ihre Werke vorzutragen und zu diskutieren. Dazu hatte Wilhelm Grimm (Tanja) Potsdams Theaterfundus geplündert. Gemeinsam mit seinem Bruder Jacob (Jule) hatte er auf seinem Gefährt große Kleiderberge herantransportiert, sodass der Spaß schon ein paar Tage vor dem Salon-Termin begann. Jeder von uns verwandelte sich in eine selbst gewählte Figur der Romantik. Den Zeitpunkt des Zusammentreffens mussten wir notgedrungen etwas locker handhaben, denn zwischen der Blitzidee von Jule bis zur Umsetzung lagen nur knapp zwei Wochen. Bei genauerer Betrachtung unserer Lebensdaten hätten nicht alle von uns tatsächlich in dieser Runde aufeinandertreffen oder bereits an der Diskussion teilhaben können. Doch darum ging es letztendlich nicht. Und so wurde ich (Noreen) zu Achim von Arnim und begab mich in Begleitung meiner Gattin Bettina von Arnim (Laura) am 19. Dezember 1811 – oder war es 2011? – zu den Grimms, die in ihren „Literarischen Salon“ eingeladen hatten.

Und tatsächlich, es war uns gelungen, eine Salon-Situation der Epoche der Romantik beinahe authentisch nachzugestalten: Die kalten Schulwände waren mit großen, zarten Tüchern verhängt, mit Bildern von Casper David Friedrich und romantischen Engeln (Weihnachten!) dekoriert, kleine Figurinen und Kerzen schmückten mehrere gedeckte „Salontische“. Dazu erwartete uns ein Buffet mit Häppchen, Kuchen, Gebäck und Tee. Ausgestattet mit alten Büchern, romantischen Schriften und Texten, Märchen und Erzählungen spielten wir Literaturgeschichte. Unsere Textblätter waren angekokelt oder in Kaffee gebadet, wodurch sie altertümlich wirkten. Jeder ging in seiner Rolle auf und schien gerade der Romantik entsprungen zu sein, jener Epoche vor mehr als 200 Jahren, die von Umbrüchen und individuellen Empfindungen gezeichnet war.

Mit Kaffee, Tee und Kuchen den Tisch gar fein gedeckt, die Blümlein fein gesteckt… So empfingen mein Bruder Wilhelm und ich unsere in Literatur, Kunst und Wissenschaften bewanderten Gäste. Auch mein Kindheitsfreund und ehemaliger Lehrer Achim von Armin samt Gemahlin traf ein. Wir saßen gemütlich im Kreise zusammen, plauderten über dies und das und trugen romantische Brieflein, die neuesten Geschichten und auch Gedichte vor. In den Debatten um mögliche Verbesserungen einiger Schriften gelang es mir, ein neues, geheimnisvolles Wort aus der Fremde zu erhaschen, das der weitgereiste Naturforscher Alexander von Humboldt in seinem faszinierenden Reisebericht gebrauchte: Das Wort „Einbaum“ war mir bis dato noch nicht begegnet und so nahm ich es in unser neues Wortverzeichnis auf. (Jacob Grimm, Jule)

Unsere Gastgeber, die Gebrüder Wilhelm und Jacob Grimm (Tanja und Jule) leiteten den Salon bravourös und hielten die Fäden fest in der Hand, sodass wir zwischen den zahlreichen Beiträgen die geistreich unterhaltsamen Übergänge von Jacob Grimm genießen konnten, während Wilhelm für unser leibliches Wohl sorgte und Tee reichte, sobald einem Gast die Stimme versagen wollte, wie es beinahe dem großen Joseph von Eichendorff (Frau Marx) passiert wäre. Die sanften Töne der Musik des talentierten Robert Schumann (Stephan), zum Teil vorgetragen von seiner Frau, der begabten Pianistin Clara Schumann (Dina), untermalten die angenehme Stimmung. Auch der Freund und Verehrer der beiden Musiker Johannes Brahms (Christian) war zugegen. Alle drei berichteten Interessantes aus ihrem Leben und Schaffen und Brahms verriet seine zärtlichen Gefühle für Clara. In so vertraulicher Salonatmosphäre trug jeder etwas vor, erzählte aus seinem Leben und erhielt den Beifall seiner Zeitgenossen. Alexander von Humboldts (Stefan) minutenlang fließende, packende Schilderung der unglaublichen Abenteuer, die er mit seinem französischen Gefährten Bonpland im südamerikanischen Urwald erlebt hatte, verschlug allen die Sprache. Novalis (Annemarie), der Schöpfer der „blauen Blume“ der Romantik, verriet uns das Geheimnis seines Namens, Achim von Arnim (Noreen) las natürlich aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“, die er gemeinsam mit Clemens Brentano (Jasin) veröffentlicht hatte. Lebhaft wurde es, als E.T.A. Hoffmann (Frau Kreuzberger) eintraf und eine seiner gespenstisch spannenden Geschichten vortrug. Er hatte sich aus alter Gewohnheit eine Flasche von Lutter & Wegner mitgebracht, empfahl jedem Rum für den Tee und wurde zu späterer Stunde vermisst, da er wohl etwas zu viel getrunken und sich bereits „zu Bette begeben“ hatte, wie Herr Humboldt zu berichten wusste. Sophie Mereau-Brentano (Sophie) erzählte von ihrer Freundschaft zu Schiller und ihrem Drang nach Freiheit – in der Liebe und im Leben. Henriette Herz (Anne), die viele Sprachen beherrscht, und Rahel Levin, später Varnhagen (Antonia), berichteten über ihre sehr in der Mode stehenden Salons in Berlin, wo Menschen ganz unterschiedlicher Glaubensrichtung und Weltanschauung, verschiedener Stände sowie Dichter, Naturforscher, Politiker, Gesellschaftsgrößen und Aristokraten auf einer Ebene zusammenkamen. Karoline von Gründerode (Sarah) gestand, dass sie selbst Goethe und Brentano mit ihrem poetischen Talent hatte beeindrucken können.
Selbst sehr weitgereiste Gäste durften wir begrüßen. So freute und überraschte uns besonders der Besuch von Alexander Sergejewitsch Puschkin (Frau Metzky), der – wie bereits Herr E.T.A. Hoffmann – von ein paar Studenten begleitet wurde.

Aus den tief verschneiten Weiten Russlands fand – mit ein wenig Verspätung wegen eines Schneesturmes – der russische Dichter Puschkin den Weg zu uns. Nach einem heißen Tee – auf Empfehlung von Herrn Hoffmann mit einem Spritzer Rum – und ein wenig Gebäck holte Puschkin (Frau Metzky) ein Schriftstück hervor – leicht durchnässt durch das Schneetreiben vor der Tür – und trug seine romantische Erzählung „Der Schneesturm“ vor. Fasziniert von dem tiefen Leid, der unendlichen Liebe und dem ergreifenden Schicksal des Protagonisten sowie der romantischen Ironie in der Geschichte herrschte gespannte Stille im Salon, Totenstille. Puschkin fesselte die Besucher des Salons mit ruhiger, klarer Stimme und erschuf im Kopf eines jeden Bilder, die real zu werden schienen. Mit dem letzten Satz des Vortragenden starb die Stille im Raum, Beifall erscholl. Auch wenn bereits andere das Wort ergriffen, so war ich doch in Gedanken noch lange bei Puschkin und seiner Geschichte. (Bettina von Arnim, Laura)

Viele weitere Gäste, die die Epoche geprägt haben, frequentierten den literarischen Salon des Brüderpaares Grimm. So waren auch Dorothea Schlegel (Philip) und Caroline Friedrich (Thora), die um 25 Jahre jüngere Gattin des großen Malers der Romantik Caspar David Friedrich, zugegen. Auch die liebreizende Caroline Schlegel-Schelling (Debora) wandte sich rückblickend noch einmal an uns:
Ich war sehr angetan von dem literarischen Salon der Gebrüder Grimm. Jeder Augenblick an jenem Abend im Dezember mit all den verehrten Besuchern und vor allem den gastfreundlichen Gebrüdern Grimm, denen mein besonderer Dank gilt, hinterließ mir einen tiefen Eindruck. Die vorgetragenen Texte waren Balsam für meine Seele. Mir selbst nahm die Aufregung fast den Atem, weshalb ich vor meinem Vortrage erst meinen Hut, der mit einer Schleife an meinem Hals befestigt war, abnehmen musste. Doch Wilhelm Grimm ermutigte mich, sodass die Angst verflog und ich den anderen Gästen das Märchen „Der Herr von Brakel auf Brakelheim“ des von mir hochverehrten E.T.A. Hoffmann vorlesen konnte. (Caroline Schlegel-Schelling, Debora)

Nach drei Stunden gab es noch immer reichlich Gesprächsstoff, doch rissen andere, lästige Pflichten die Besucher dieses so gelungenen Abends auseinander, sodass wir uns alle noch ein letztes leckeres Plätzchen oder Törtchen und einen letzten Schluck Tee servieren ließen, bevor wir nach drei viel zu schnell verflogenen Stunden die lauschige Atmosphäre unseres Literatur-Salons verließen.

Achim von Arnim, Noreen

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