Time for Heroes

(Langfassung von Luisa)
Gitarrenklänge dringen an meine Ohren, ich reiße meine Arme hoch, um gleich darauf meinen ganzen Körper zum Rhythmus der Musik zu bewegen, mich fallen und von der Musik auffangen zu lassen. Der Geruch der ersten Zigaretten und Joints steigt mir in die Nase. Die Menschen um mich herum tun genau das Gleiche wie ich: sie tanzen, schreien, lachen. Dann erklingen die ersten Töne von „Boys in the Band“ und steigern sich. Die Jungs beginnen zu singen. Sofort gröle ich laut mit. Dann der Refrain:

„And they all get them out for
(they all get them out)
The boys in the band
(only for the boys in the band)
They scream and they shout for
(twist and scream and shout)
For the boys in the band
(only for the boys in the band) ”

Jaaa, verdammt noch mal! Wir alle, alle um mich herum, diese wunderbaren Menschen sind genauso wie ich in der Musik gefangen, schreien für die Jungs in der Band! Na, klingelt ’s? Nein?
Okay, verständlich! In England sind sie eine Legende, egal, ob man sie nun aus den Medien und der Klatschpresse oder wegen ihrer einprägsamen Musik kennt. Hier in Deutschland sind sie bisher eher unbekannt. Zwar spielen sie auf Festivals, zum Beispiel dem Lollapalooza- Festival in Berlin, oder füllen die Columbiahalle, aber das ist nichts im Vergleich zu Großbritannien. Dort füllen sie ganze Stadien. Sie vermögen es, ihre Anhänger mit ihren verrückten Geschichten zum Lachen, mit ihren teils traurigen Texten zum Weinen und mit ihrer ganz eigenen Art zum Lächeln zu bringen.
Vier Briten – Peter, Carl, John und Gary – die ihre Musik voll und ganz verkörpern und ausleben, das sind „The Libertines“. Der Bandname bedeutet so viel wie Freigeist oder Wüstling, und diese Rolle füllen sie auch voll und ganz aus, benehmen sich nach ihrem eigenen Drehbuch, in ihrer eigenen Welt. „But it’s just like he’s in another world. “ (Libertines „Up the Bracket“).

Nach der Auflösung 2004 stehen sie seit 2014 wieder gemeinsam auf der Bühne und vereinen Menschen durch ihre Musik! Wenn man die vier auf der Straße trifft, hat man gute Chancen, irgendeinen verrückten Satz zu hören wie: „Ich finde, das ist ein verdammt hässliches T-Shirt, was du da anhast.“ Aber von solchen Charmebolzen lässt man sich doch gerne mal beleidigen. Oder sie fangen einfach an zu singen: „I get along just singing my song. People tell me I’m wrong. Fuck ‘em!“ (Libertines „I get along“). Wenn du die vier auf der Bühne siehst, siehst du ein Bild der Harmonie, die Arme von Carl und Peter ziert das Libertines-Tattoo. Du siehst, wie Peter, der meist einen Hut und irgendeinen zerrissenen Anzug trägt, und Carl in Lederjacke gemeinsam in ein Mikrofon singen, glücklich in ihrer Musik vereint! Ich jedenfalls kann Ohren und Augen nicht von ihnen lassen, solange sie auf der Bühne stehen. (bis hier in der aktuellen Printausgabe)

Die Jungs sind nicht nur kreativ und ausgelassen bezüglich ihrer Musik, sondern auch leidenschaftliche Geschichtenerzähler. Der BBC erzählten sie einmal, dass sie schon so viele Storys erfunden hätten, dass sich der Verlauf der wirklichen Geschehnisse kaum noch rekonstruieren lasse. Vor allem Peter Doherty und Carl Barât, die beiden Sänger der Band und Best-Buddies, bringen uns Fans zum leidenschaftlichen Mitfiebern. So erzählt Carl in seiner Autobiographie „Threepenny Memoir; The Lives of a Libertine“ voller Charme von Erlebnissen aus seinem Musikerleben. Der Titel ist natürlich eine Reminiszenz an Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“.
Wenn man Musik sucht, die sich ins Gehirn einbrennt und durch ihre Texte und Melodien Gänsehaut entstehen lässt, kein Mainstream ist und vier extrem sympathische, lustige und liebenswürdige Typen dazu, dann kann man „The Libertines“ definitiv in sein Musikrepertoire übernehmen. Die von der Presse gern als „chaotische Punktruppe“ bezeichnete Band, bringt einiges an Ironie und Tiefe mit.
„Punk ist die Verweigerung jeglicher Verhältnismäßigkeit, deshalb sind die Libertines eine große Punkband. Sie zertrümmern die Heiligtümer des Rock’n’Roll, um aus den Trümmern neue Kathedralen zu errichten. […] Wer sich mit den Libertines beschäftigt, landet immer wieder bei der Selbstzerstörung. […]“ (Christian Buss). Wer jetzt noch nicht genug hat, kann sich auf Youtube ein paar Songs, vielleicht auch ein paar Interviews anhören und sich selbst eine Meinung bilden.

Zum Schluss ein kleines Zitat aus dem Song „The good old Days“: „But if you’ve lost your faith in love and music the end won’t be long Because if it’s gone for you then i too may lose it and that would be wrong“.

Luisa Lieske, 9/1

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