Buch für ein Sprachgenie – Einladung für uns

Während der Präsentation des Buches „Emil Krebs. Kurier des Geistes“: Dr. Hans-Ulrich Seidt, deutscher Botschafter in der Republik Korea

Schon vorher hatten wir den Namen Emil Krebs gehört; wir kannten ihn nicht zuletzt vom Interview unserer Schülerzeitung mit Herrn Eckhard Hoffmann, einem Wahlpotsdamer, der die Geschichte seines Großonkels Emil Krebs mit Leidenschaft verfolgte und so mit seiner ergiebigen Materialsammlung letztlich wohl den Anstoß für das Buch über das Sprachgenie gegeben hat. Der 1867 geborene, sprachbesessene und talentierte Krebs erwarb Kenntnisse in Wort und Schrift in 68 Sprachen, beschäftigte sich insgesamt mit 111 Sprachen und Dialekten. Dabei sollte sich jeder Schüler, der verzweifelt über seinen Französisch-Hausaufgaben sitzt, ins Gedächtnis rufen, dass Emil Krebs all seine Arbeit freiwillig tat, jede Sprache mit Enthusiasmus lernte und darüber hinaus vielseitig interessiert und enorm engagiert tätig war. Französisch hatte Krebs begonnen autodidaktisch zu erlernen, nachdem er als junger Schüler einer Dorfschule ein deutsch-französisches Vokabelheft gefunden hatte.

Sami (rechts) im Gespräch mit Eckhard Hoffmann (Mitte), dem Großneffen von Emil Krebs, seinem Sohn Bernd Zausch und einer Mitarbeiterin der deutschen Botschaft im Jemen

Dank Herrn Hoffmann kannte man im Auswärtigen Amt in Berlin unsere Nr. 21 des „Lenné-Überfliegers“, in der wir das Interview mit ihm, Emil Krebs‘ Großneffen, veröffentlicht und das Thema „Gehirn und Sprache“ in den Brennpunkt der Ausgabe gestellt hatten. Und so erhielt die Redaktion der Schülerzeitung eine Einladung. Jens G. (12/1) und ich durften am 9. Dezember 2011 als Delegierte des „Überfliegers“ der Präsentation des Buches „Emil Krebs. Kurier des Geistes“ im Auswärtigen Amt beiwohnen. Das von Peter Hahn herausgegebene Buch präsentiert einen umfassenden Einblick in das Leben und Wirken des Legationsrates und ehemaligen Mitarbeiters des Auswärtigen Amtes Emil Krebs, das sich von 1893 bis 1917 im Dienst der Kaiserlichen Gesandtschaft in China abspielte. Mehrere Autoren kommen zu Wort: Neben Tagebucheinträgen und Aufsätzen von Emil Krebs finden sich interessante Kapitel mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, beispielsweise von Peter Hahn, Eckhard Hoffmann, der Hirnforscherin Dr. Katrin Amunts, von Dr. Hans-Ulrich Seidt, deutscher Botschafter in der Republik Korea, Gunnar Hille, Leiter des Sprachenzentrums des Auswärtigen Amtes, und Antonio Reda, Leiter des Sprachendienstes des AA. Das Buch verbindet in packender Erzählweise Biografisches mit Informationen über die deutsche Kolonialgeschichte ab 1860 und die besondere Situation im China jener Epoche, informiert über Ergebnisse der Hirnforschung und nicht zuletzt über Voraussetzungen und Wertigkeit von Sprachkenntnissen für die Aufgaben der Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes. Über Krebs hatte Paul Gauthier, Leiter des Auswärtigen Amtes, 1923 gesagt: „Krebs ersetzt uns 30 Außenmitarbeiter“.

Antonio Reda, Leiter des Sprachendienstes des Auswärtigen Amtes, signiert unser Exemplar des Buches

Die Präsentation fand in festlichem Rahmen statt. Durch die ruhig-feierlichen Klänge eines Saxophons entstand eine Atmosphäre, wie man sie als Schüler nur selten erlebt. Anfangs flößten uns das vornehme Ambiente und die feine Gesellschaft der Anwesenden Respekt ein. Als uns dann noch der Leiter des Sprachendienstes des Auswärtigen Amtes, Antonio Reda, dessen Bereich im AA weltweit über 70 Fremdsprachen betreut, wie nebenbei mitteilte, dass wohl kaum jemand in diesem Raum weniger als vier Sprachen sicher beherrsche, waren wir vollends eingeschüchtert, dachten wir doch an so manche Schwierigkeit beim Erlernen zumindest einer der zwei von uns belegten Fremdsprachen in der Schule. Doch die herzliche Art, mit der man uns empfing, ließ das schnell vergessen. Im Verlauf der enorm interessanten Gespräche knüpften wir nicht nur neue Kontakte, sondern gewannen Einblicke, die sich uns an anderer Stelle wohl kaum eröffnet hätten. Wer steht dahinter, wenn sich Merkel und Putin angeregt unterhalten? Wer bleibt bei internationalen Gesprächen im Hintergrund, obwohl er eine der wichtigsten Rollen innehat? Wie schwierig und wichtig sind korrekte Simultan-Übersetzungen? Auch die Person Emil Krebs füllte im kaiserlichen China eine solche verantwortungsvolle Funktion aus, die eines Sprachmittlers, der nicht nur sprachliches, sondern auch politisches und diplomatisches Geschick beweisen muss. In Gesprächen mit den Autoren vertiefte sich das Bild von Emil Krebs, das ich bereits im Voraus durch die teilweise Lektüre des Buches gewonnen hatte. Der lebhafte Schreibstil der Artikel ließ zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen, ob man nun gerade mit Emil Krebs in Asien weilte oder über die Ursachen von Krebs‘ Sprachbegabung aus der Sicht der Hirnforschung las.

Ein wirklich tolles Buch, sehr sympathische Leute und der Stolz, dort eingeladen gewesen zu sein, wo sonst nur wichtigere Leute als wir aufeinandertreffen, ließ diesen 9. Dezember zu einem rundum gelungenen Tag werden. Nicht einmal der über eine halbe Stunde verspätet eintreffende Bus zu Bahnhof und Zug Richtung Potsdam konnte uns die gute Laune verderben.

Sami El-Sabkhawi, 13/1, „Überflieger“, Lenné-Schülerzeitung

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