Deutsche Geschichte in Sperlzeugen

Ein Teil der Ausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, allein in der Ausstattung des Bodens unverkennbar auf Deutschland bezogen.

3. Oktober 2010. Wir begehen den 20. Jahrestag der deutschen Einheit. Es werden große Feiern stattfinden. Große Persönlichkeiten werden vor großem Publikum große Reden halten. Wohl kaum jemand in Deutschland wird diesen Tag übersehen können.


Ein Rückblick: Der bildende Künstler und Galerist Rainer Sperl hat dieses Ereignis auf seine ganz besondere Art bereits anlässlich des 20. Jahrestages des Berliner Mauerfalls gewürdigt. Im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Potsdam gab es vom 20. November 2009 bis 31. Januar 2010 eine Sonderausstellung mit seinen unverwechselbaren Kunstwerken zu sehen. Diese Ausstellung mit dem Titel „Sperlzeug – Erlebte Skulpturen und Objekte“ war ein humorvoller, ironischer Rückblick auf deutsche Geschichte, auf 20 Jahre deutsche Einheit und 60 Jahre Deutschland Ost und West.

„Die Befreiung des Geistes“, unverkennbar mit den Gesichtszügen des Künstlers selbst.

In jeder der scheinbar harmlosen Skulpturen, entdeckten wir bei näherem Hinsehen oder Nachfragen Hintergründiges, Tiefgründiges, Geschichtliches oder einfach Humorvolles. Die Figuren in den insgesamt 48 Objekten der Ausstellung im Kutschstall sind frech, geistreich, politisch. Sie kurbeln die Gedanken an, zaubern ein Lächeln ins Gesicht und wecken Erinnerungen. Erwachsenen, die die DDR erlebt haben, sind sicher zu vielen Objekten der Ausstellung eigene Geschichten eingefallen. Wir hatten das Glück, von Rainer Sperl selbst zu hören, welche Idee oder Geschichte sich hinter der einen oder anderen Skulptur versteckt. Wir erfuhren viel über die Menschen im deutschen Osten und Westen vor und nach der Wende – immer gewürzt mit Humor und kleinen Episoden. Schade, dass die Ausstellung nicht mehr zu sehen ist. Die „Sperlzeuge“ sind inzwischen verkauft – an Privatpersonen oder Institutionen. Einzelne Skulpturen dieser Ausstellung und weitere Arbeiten können im Atelier des Künstlers in Babelsberg bewundert werden; einen Termin kann man telefonisch oder bei einem Besuch in der neuen „SperlGalerie“ (Hinweis unten) vereinbaren.

Am 26. November 2009 besuchten wir die Ausstellung „Sperlzeuge“, wurden vom Künstler persönlich geführt und erhielten von ihm Antworten auf viele Fragen. Einige Antworten findet ihr im unten stehenden Kurzinterview.

Herr Sperl erklärte uns, wie „Der Gedankenblitz“ funktioniert. (2. von rechts) Für seine Objekte verwendet er alte Gebrauchsgegenstände wie die Druckmessgeräte und eine Schalmei, die den Kopf auf dem völlig unsportlichen Körper des „Fußballfans des SV Babelsberg 03 unter Druck“ ersetzen. (links). „Der letzte Pinguin“ sitzt traurig und einsam auf seiner schmelzenden Scholle. (Mitte) Der glotzende Vogel mit dem sensenscharfen Schnabel trägt den Titel „Unter scharfer Beobachtung“. (rechts)

Rainer SPERL, Potsdamer Künstler und Galerist

Das Wichtigste in Ihren Werken scheinen Sarkasmus und Ironie zu sein…?
Das bin ich. Das, was in meinem Bauch ist, lasse ich raus und das spiegelt sich in den Arbeiten wider. Ich nehme das Leben nicht ganz so ernst. Ich denke, da hat mir irgendjemand 80 Jahre Existenz auf diesem Planeten gegeben und da bin ich nicht bereit, mich in dieser kurzen Zeit verrückt zu machen. Es geht nicht darum, auf andere Kosten zu leben, sondern ganz einfach etwas aus dem Leben zu machen. Viele Leute machen sich unnötig Stress. Das ist meine Philosophie.

Das „Raumwunder Trabant“, die Sardinenbüchse, in der die meisten ostdeutschen Familien vollbeladen in den Urlaub fuhren.

Nach der Wende: Vermissen Sie etwas?
Nein. Es ist nur so, dass irgendwo immer etwas fehlt. Es gibt nichts Ideales. Diese Gesellschaftsordnung ist für die jetzige Zeit das Ideale. Wir haben fast 40 Jahre DDR erlebt und die möchte ich auch nicht wieder haben. Vieles war bequemer. Aber wer sich mit diesem System beschäftigt hat, hat Ängste. Ängste vor der internationalen Entwicklung, zum Beispiel, dass ein Krieg wieder nahe rückt.

Hatten Sie „Ärger“ mit dem Staat?
Ich habe meine Sachen gemacht und man konnte mich nicht einordnen. Entweder Bildhauer, Keramiker oder Komiker… Was war ich!? Das konnten sie bei mir nicht erkennen. Aber das spielt heute keine Rolle mehr.

Was lässt Sie kalt?
Mich lässt nichts kalt. Ich versuche, alles in mir zu erklären.

Was haben Sie verpasst?
Nichts.

„Held der Arbeit“. Dieser Titel wurde in der DDR für „bahnbrechende Taten für den Aufbau und den Sieg des Sozialismus in der Volkswirtschaft“ verliehen.

Was ist Ihnen unheimlich?
Es ist unheimlich, in welche Richtung die Entwicklung heutzutage geht. Es ist mir zu materiell orientiert.

Frühaufsteher oder Nachteule?
Ich bin Ewigschläfer. Mein Enkel meinte neulich: Ich erzähl‘ dir mal einen Witz: „Mein Opa geht an einem Bett vorbei.“… Das war der Witz.

Was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Nichts. – Wenn ich da hingehe, bin ich einsam. Das Leben ist hier. Wenn ich auf eine Insel will, dann brauche ich auch nichts mehr. Dann habe ich abgeschlossen.

Was machen Sie heimlich?
Ich glaube mit 60 Jahren lässt das ein bisschen nach.

Wofür würden Sie ein Vermögen ausgeben?
Da gibt es wieder viele wichtige Sachen. Ich würde gut leben damit.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Ich habe jetzt 1 ½ Jahre durch meine intensive Arbeit für die Ausstellung kein Buch gelesen. Das letzte Buch war „Das Parfum“ von Süsskind.

Welche Schwächen anderer tolerieren Sie?
Im Prinzip alle. Man muss tolerant sein, auch wenn es schwer fällt. Ich mag sie nicht, aber ich toleriere sie.

Wir bedanken uns bei Herrn Sperl für die aufschlussreiche, amüsante Führung und das Interview.
Tanja, 12/3

An alle Kunstinteressierten
Die SperlGalerie zieht um. Wohin? Fast jeder Potsdamer weiß, wo der Nikolaisaal ist. Und genau dort wird die Galerie ab November zu finden sein. In der Eröffnungsausstellung – Kleine Formate No. 16 – geht es um uns, um euch, um die junge Generation.

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