Der ganz alltägliche Wahnsinn: Sanssouci in unserer Stadt

Potsdam, Schloss Sanssouci

Vorab: Sans/souci bedeutet „Ohne Sorge“. Das weiß jedes Kind in Potsdam. Für mich ist das Wort „Sanssouci“ nicht so sehr das berühmte Schloss Friedrichs des Großen, sondern eher eine Bezeichnung für einen ganz normalen Tag in meinem Leben, an dem ich mit meinem Fahrrad unterwegs bin und so einiges passiert: Vor zwei Wochen zum Beispiel fuhr ich mit meinem Rad zur Schule, hatte gut geschlafen und erwartete nichts Böses…

Es ist 7.37 Uhr, also Rush Hour in Potsdams Innenstadt. Ich liebe den Berufsverkehr. Es ist auch schön, dass in Potsdam überall Baustellen den Verkehr behindern, lange schon. – Wenn ich aus meiner Haustür komme, schiebe ich mein Fahrrad immer bis zur nächsten Straßenecke. Danach geht’s über die Straße und dann schwinge ich mich auf meinen Sattel. Ich möchte zur Kreuzung, die auf die Zeppelinstraße führt. Es steht – wie so oft – eine lange Schlange Autos an der Ampel und blockiert den Radweg. Ich muss bremsen, absteigen und bis zur Ampel schieben. Ich denke das erste Mal an diesem Tag: Sanssouci in unserer Stadt.

Ich beobachte – am Rande. Die Bauarbeiter sitzen im Bäckerladen am Fenster und glotzen auf die Straße. Wie die Hühner auf der Stange sitzen sie da in ihren weißen Overalls und gucken jedem mageren Mädel hinterher, das in Absatzschuhen an der Vitrine vorbei stakst. Das Näschen hoch oben, die Haare lang und offen – meist brünett -, das Handtäschchen baumelt in der Ellenbogenbeuge und der I Pod oder das Handy liegt in Hand oder klebt am Ohr. – Endlich habe ich mich bis zur Ampel vorgekämpft und höre die ersten hupenden Autos: Juhu, so viel Liebe! Der Stau setzt sich auf der Zeppelinstraße fort und ich fahre gemütlich mit meinem Rad an den wartenden Autos vorbei. Auf der Breiten Straße sehe ich das erste Mal die Sonne, die verschlafen hinter den  Wolken hervor blinzelt…, als ich plötzlich eine Vollbremsung hinlegen muss. BREMSER! Ich liebe Bremser. Das sind die Fahrradfahrer, die gefühlte drei Kilometer vor der nächsten roten Ampel langsamer werden. Wieso Energie verschwenden? Belastet die Umwelt, also denken wir ein bisschen ökonomisch. Sanssouci in unserer Stadt.

Ich warte nun an der roten Ampel, als sich ein junger Mann mit seinem Mountainbike mit einem Lächeln vor mir aufbaut. Ein DRÄNGLER. Egal, ich nehme es gelassen und die Ampel schaltet auf Grün. Ich trete in die Pedale, weil ich erwarte, dass mein Vordermann auch schnell losfährt, werde aber enttäuscht, da er anscheinend nicht weiß, dass man die Bremse beim Anfahren loslassen muss. Nun ist es 7.53 Uhr und ich habe unsere Schule erreicht. Alle Radständer belegt. Ist klar, die Sonne scheint. Das ist vorhersehbar: Scheint die Sonne, sind alle mit dem Rad unterwegs, ist aber eine einzige Wolke am Himmel, habe ich freie Auswahl, wo ich mein Rad anschließen möchte. Sanssouci in unserer Stadt.

Schule ist wie immer. Die Lehrer fragen nach Hausaufgaben, die von den Haustieren der zu Unterrichtenden gefressen wurden. Aber mein liebstes Szenario ist dieses „Schreiben wir nun einen Test oder nicht?“-Szenario. Kurz vor Stundenbeginn werden alle nervös, bekommen Schweißausbrüche und fragen hektisch: „Weißt du was von ‘nem Test? Wirklich nicht? …“ Ich kenne das Problem, sehr gut sogar, um ehrlich zu sein. Und rein geht’s in den Unterricht. Nach der Stunde herrscht pure Freude in der Klasse, denn alle haben den Test verhauen. Sanssouci in unser (Schule) Stadt.

Irgendwann endet jeder schönste Schultag, im ungünstigsten Fall um 17 Uhr. Wenn ich bis 17 Uhr Kurse habe, dann habe ich am Ende Sport. Ein kleiner Einblick in meine letzte Sportstunde: Wir sind im Fitnessraum und es riecht so angenehm nach Schweiß, dass ich nichts lieber möchte, als 90 Minuten in diesem kleinen Raum zu verbringen. Ich steige auf ein Rad und trete in die Pedale, das kann ich – ziemlich gut sogar. Ich bemerke, dass rechts neben mir das Laufband steht, auf das unser Lehrer nacheinander Schüler/innen schickt. Mir ist das Laufband immer sehr suspekt gewesen. Vielleicht habe ich zu viel „Uuups, die Pannenshow“ geguckt. Kennt ihr das, wenn Leute auf ein voll aufgedrehtes Laufband aufspringen und dann … „sanft runterfallen“? In den fast 90 Minuten, in denen ich versuche, mich vor diesem Laufband zu drücken, habe ich so viel „Kopfkino“, dass ich damit einen ganzen Film drehen könnte. Doch dann bin auch ich dran. Ich überlebe. Sanssouci in unserer Stadt.

Ich verlasse das knallorange Schulgebäude, dessen Leuchtfarbe übrigens morgens in müden Augen ziemlich brennt. Heimfahrt per Fahrrad. Erste neue Lieblingsstelle: Ich komme die lange Brücke herunter und fahre links an einem Holzzaun entlang. Der Weg ist knapp einen Meter breit und alle „donnern wie die Bekloppten“ an den Fußgängern vorbei, die sich verängstigt bis lauthals beschweren, dass dies doch kein Radweg sei. Ich liebe Passanten und manchmal auch andere Radfahrer. Ich habe Glück. Auf der Breiten Straße fährt eine ältere, etwas dickliche Dame auf einem noch älteren, rostigen Fahrrad vor mir her. Sie blockiert den gesamten Radweg. Ich bremse mal wieder. Lange halte ich hinter ihr aus. Schließlich kann ich sie doch überholen. Ich drehe mich um und blicke in ein Gesicht, das vor Anstrengung rot glüht. Jetzt fährt sie schneller. Sanssouci in unserer Stadt.

Kurz vor meiner Haustür werde ich noch fast von einem Auto umgefahren, obwohl ich Vorfahrt habe, und werde dafür auch noch angeranzt. Das ist nun der goldene Abschluss eines ganz gewöhnlichen, wundervollen Tages in meiner geliebten Stadt. Sanssouci in unserer Stadt.

Anne – Franziska, 12/2

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