Zu Hause in Sibirien

Ich bin Schülerin der Lenné-Schule und wohne in Potsdam. Geboren bin ich 1994 in Russland, in der Stadt Omsk. Im Januar 1995 sind wir gemeinsam mit meiner Mutter, meiner Tante, ihrem Sohn und meiner Oma nach Deutschland umgesiedelt. Nun lebe ich schon seit 15 Jahren in Deutschland. In den ersten Jahren sind wir ab und zu alle gemeinsam nach Russland gefahren, aber irgendwann wurden diese Heimatbesuche immer seltener. Ich beschloss, dass es wieder einmal Zeit für Russland wäre, und die letzten Weihnachtsferien schienen mir optimal. Nach langen Diskussionen und mithilfe meiner genialen Überredungskunst hatte ich die Erlaubnis meiner Mutter, ganz allein nach Russland zu fliegen. Nach einem kurzem Telefonat mit meiner Oma, die noch in Omsk lebt, war es klar: Ich würde die Weihnachtsferien 2010 in Russland verbringen.

Mit 573 km² Fläche und 1.129.120 Einwohnern ist Omsk die achtgrößte Stadt Russlands. Die Stadt liegt in Asien am Zusammenfluss von Om und Irtysch. Während des Zweiten Weltkrieges wurden viele Industriebetriebe aus dem europäischen Teil der Sowjetunion nach Omsk verlegt, dadurch wuchs die Stadt innerhalb weniger Jahre auf das Dreifache. – Wie jede Stadt hat auch Omsk eine spannende Geschichte, die hier etwas zu tun hat mit dem Zaren Peter dem Großen, mit Tabak und Goldvorkommen, mit einer 1716 gegründeten Festung aus Holz, mit dem Sibirischen Kosakenheer und wiederholten Tatarenüberfällen, zu Beginn des 20. Jh. mit Admiral Koltschak und Erzbischof Silvester. Im 19. Jh. war Omsk Verbannungsort für Dissidenten wie Fjodor Dostojewski (1821-1861), einen der berühmtesten Schriftsteller Russlands und der Weltliteratur. – Aber irgendetwas sagt mir, dass euch das gerade nicht so sehr interessiert.

Eine der schönsten Kirchen Sibiriens: die russisch-orthodoxe Kirche von Omsk in der Neujahrsnacht.

Interessant ist für euch ist sicher, dass Omsk in Sibirien liegt, 2.555 km von Moskau entfernt und etwa in der Mitte Russlands. Wenn ich Leuten in meiner Umgebung erzähle, dass ich nach Sibirien fahre, um dort meine Familie zu besuchen, erlebe ich sehr unterschiedliche Reaktionen – von Interesse über Desinteresse bis zu Abneigung. Manche haben gar keine Vorstellung von Sibirien, andere wiederum klammern sich an ein klischeehaftes Bild: dichter Wald, eingeschneite, kleine Holzhütten, keine Wasserleitungen, die totale Abgrenzung von der

Zivilisation und natürlich kein Internetzugang. Rufen wir uns die bereits oben genannten Merkmale der Stadt Omsk (Stadtrecht seit 1782) in Erinnerung, so werden wir schnell feststellen, dass eine ehemalige Industriestadt nicht in Holzhütten ohne Wasserleitungen erfolgreich in verschiedensten Industriezweigen produzieren und wachsen konnte.

Die traditionellen Holzhütten stehen mitten in der Stadt und sind noch immer bewohnbar.

Etwas, woran die meisten Menschen wohl auch denken, wenn sie das Wort Sibirien hören, ist die eisige Kälte. Omsk liegt im südlichen Teil Sibiriens, die Durchschnittstemperatur im Winter liegt daher „nur“ bei etwa 30 Grad minus. Für deutsche Verhältnisse mag das kalt sein, für sibirische ist es recht warm. Und obwohl die Temperaturen dort um einiges kälter sind als in Deutschland, ist die Kälte dort „trockener“ und fühlt sich aufgrund dieser geringeren Luftfeuchtigkeit viel angenehmer an. Trotzdem muss die Winterkleidung sorgfältig aus-gesucht werden. Schon Wochen vor meiner Abreise habe ich alle Läden in Potsdam abgeklappert, um mir eine vernünftige Winterjacke und warme Winterstiefel zu kaufen… Glücklich in Omsk gelandet – in meinen schicken Stiefeln und meiner tollen Jacke, die mir wahnsinnig warm vorkam, – musste ich schon nach zehnminütigem Warten auf das Auto feststellen, dass meine neue Jacke gar nicht sehr warm war. Auch meine Stiefel waren doch nicht so schick, denn die europäische Mode unterscheidet sich um einiges von der russischen.

Als ich zu Hause bei meiner Oma eintraf, wollte ich nach den 5 ½ Stunden Flug nur noch todmüde ins Bett fallen, setzte mich aber doch erst an den sehr schön gedeckten Essentisch, um all die Leckereien, mit denen meine Oma mich immer verwöhnt, wenn ich bei ihr bin, auszuprobieren. Nach dem Essen und ungefähr einem Tag Schlaf ging mein russischer Weihnachtsurlaub los. – Zuallererst rief ich meine Freundin Tanja an, die in der Wohnung direkt unter uns wohnt. Wir sind genau genommen nicht zusammen aufgewachsen, aber irgendwie doch. Kennengelernt haben wir uns, als ich 2 Jahre alt war. Und immer, wenn ich in Omsk bin, ist sie die Erste, die ich anrufe. Wir verbringen fast die gesamte Zeit gemeinsam und dazu müssen wir nur die Treppe hoch oder runter laufen. – Tagsüber habe ich mich selbst beschäftigt, da meine Verwandten arbeiten mussten und meine Freunde, Tanja eingeschlossen, in der Schule waren. Da aber Tanja und ich wie Kletten sind, hat sie direkt nach der Schule bei mir geklingelt. Ich habe ihr dann etwas bei ihren Hausaufgaben und ihrem Bruder bei seinen Deutsch-Aufgaben geholfen. Danach war Zeit für interessantere Themen wie Musik, Mode und besonders all das, was wir in den vergangenen Jahren nicht erzählen konnten. Obwohl wir uns nur alle vier Jahre für ca. zwei Wochen sehen, kann ich behaupten, dass sie eine meiner besten Freundinnen ist.

Meine Patentante Natalia (rechts) und ich

Dann kam meine Patentante Natalja zu Besuch. Irgendjemand hatte ihr geflüstert, dass ich Theater mag, also ist sie mit mir fast jeden zweiten Tag ins Theater gegangen. Im Omsker Dramen-Theater spielt eine wirklich starke Truppe. Das Theater ist das älteste in Omsk und eines der besten russischen Theater außerhalb von Moskau oder St.-Petersburg. Ich bin sehr durch das russische Theater geprägt. Selbst hier in Deutschland habe ich viele Jahre Theater gespielt, allerdings bei einer russischen Lehrerin. Ob sich das Theater dort vom europäischen hier grundlegend unterscheidet, kann ich nicht einschätzen. Hier und dort werden internationale Stücke gespielt, nur eben in der jeweiligen Sprache. Aber das Publikum ist definitiv anders. Schon die Kleidung unterscheidet sich: Alle Frauen ziehen schöne Abendkleider an. Das Benehmen im Saal ist beeindruckend: Selbst kleine Kinder sitzen ordentlich auf ihren Plätzen und wissen sich ruhig zu benehmen. Ich gehe auch in Deutschland recht oft ins Theater, auch mit meiner Mutter und obwohl sie in Omsk nach russischen Regeln aufgewachsen ist, musste sie mir noch kein einziges Mal erklären, wie man sich dort benimmt. In Russland musste ich mir mehrmals anhören: „Dina, das macht man nicht.“ oder „Dina, das ist unhöflich“. Ein Beispiel: Wegen der Kälte war ich sehr warm angezogen. Jacke und Tasche habe ich an der Garderobe abgegeben, aber meinen dicken Wollpullover anbehalten, weil man nie weiß, ob die Heizung funktioniert. Im Saal war es dann doch warm und ich wollte den Pullover ausziehen. Allerdings erklärte mir meine Patentante, dass es eine nicht höfliche Geste sei. Also musste ich aus dem Saal gehen, vor der Tür meinen Pullover ausziehen, um dann – mit dem Pullover in der Hand – in den Saal zurückzukehren. Nach den vielen Theaterbesuchen in Russland, wo ich immer das Gefühl hatte, mich auf einer Gala zu befinden, musste ich mich sehr überwinden, hier in Deutschland in Jeans und Ugg-Boots ins Theater zu gehen.

Nicht zu vergessen sind die vielen Besuche, zu denen meine Oma mich mitgeschleppt hat, bei denen ich jedes Mal das Gleiche von ihren Freundinnen zu hören bekam. Eben das, was man so von Omas hört, die einen das letzte Mal als Baby gesehen haben: „Боже, как ты выросла! Я ещё помню как ты раньше…“ (Ach Gottchen, bist duuuu groß geworden! Ich weiß noch, wie du damals…) Aber es war mir immer eine Freude, all die Geschichten zu hören, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte.

Das Leben in Omsk ist anders als in Potsdam: Ich habe sehr großen Respekt vor meiner Oma und ihren Freundinnen. Meine Oma ist die einzige unter ihren besten Freundinnen, die noch einen Mann hat – meinen Opa. Einige dieser Freundinnen haben es sehr schwer ohne „Mann im Haus“, zumal sie meist noch die Kinder und Enkelkinder versorgen müssen. Als Alleinverdiener ist das in Russland fast unmöglich. Als mein Onkel studiert hat – in Russland ist Studieren sehr teuer – haben Opa und Oma gearbeitet, obwohl beide bereits Rente bezogen. Das Geld hat trotzdem nicht gereicht, mein anderer Onkel, der mittlere Sohn, hat monatlich noch etwas beigesteuert. Inzwischen hat mein Onkel sein Studium beendet, aber meine Oma kann es sich trotzdem nicht leisten, in die Rente zu gehen. Da mein Opa im letzten Jahr einen Herzinfarkt erlitten hat, ist er bis zum Sommer arbeitsunfähig. Auch musste er sich mehreren Operationen unterziehen, die nicht billig waren. Also geht es meiner Oma im Moment nicht besser als ihren Freundinnen. – Das soll bei euch auf keinen Fall Mitleid auslösen. Ich erzähle es an sich nur, weil ich immer wieder fasziniert bin, wie die Menschen in meiner Heimat mit ihrem Leben umgehen. Trotz des niedrigen Lebensstandards und der schwierigen Bedingungen sind sie spürbar glücklicher als viele Menschen, die hier in Deutschland ein deutlich besseres Leben führen. Ich selbst erwische mich manchmal dabei, traurig zu sein, weil ich die supertolle, trendige Hose aus dem Schaufenster nicht kaufen kann, anstatt darüber glücklich zu sein, dass fünf Paar Jeanshosen zu Hause in meinem Schrank liegen.

Immer, wenn ich wieder einmal aus Russland zurückgekehrt bin, gelingt es mir für eine Weile besser, dankbar zu sein für all das, was ich hier habe und tun kann. Ich werde mich immer zu den Menschen in Sibirien hingezogen fühlen und freue mich schon jetzt auf meinen nächsten Besuch.

Дина Яаковлева (Dina Jakowlewa), 12/3

Typisches Stadtbild von Omsk. Man beachte die Flaggen auf den Laternenpfählen!
Das Omsker Dramentheater: klein, aber fein und eines der ältesten Russlands. (Sommer)
Die Straßenbahnen sehen noch immer aus wie in alten russischen Filmen. Selbst bei minus 30 Grad fahren die Busse und Bahnen. Die Stadt Omsk ist gerade dabei, eine Metroverbindung – ähnlich der in Moskau – zu bauen.


Front des Theaters mit Neujahrswünschen: C Новым годом!
Der Zuschauersaal des Theaters
Mit meinem Onkel Aleksej, dem jüngsten Sohn meiner Großeltern


Omsk bei Nacht. Im Scheinwerferlicht der Autos kann man die Kälte sehen. Besonders zur Weihnachtszeit sind die Straßen mit vielen Lichterketten geschmückt.
Ein Blick aus meinem Fenster. Verzaubert wie in russischen Märchen.
Das alte Russland. Die russisch-orthodoxe Kirche im Zentralpark von Omsk im Sommer. Sie ist eng mit dem Namen des Erzbischofs von Omsk und Pavlodar verbunden. Bischof Silvester Olschewskij (1860 – 1920) wurde 2000 nachträglich als Märtyrer heiliggesprochen.

Kommentare 3 Kommentare

  1. Daniel sagt:

    Hey,toller Bericht 🙂

    Ich komme auch aus der Region um Omsk und naja ich wollte diesen Sommer auch allein fliegen hab aber noch einige fragen.Wäre nett wenn du mich per Email kontaktieren würdest,du kannst mir vllt. weiterhelfen

    grüße,
    daniel

  2. Oleg sagt:

    Nur eins fehlt: dein Email 😉

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