Nur ich und das Meer

Die Geschichte einer Flucht
von Lena

nicht verfügbar!

Lena. Glücklich geflohen


Da ist dieses Gefühl weg zu wollen. Weg von allem, was mich umgibt. Weg vom Stress, Weg von den fordernden Gesichtern meines Umfeldes, auch ein Stück weit weg von mir selbst. Der Alltag wiegt manchmal so unendlich schwer: Ich erwache aus unruhigem Schlaf, werfe eine Schüppe kaltes Wasser ins Gesicht, gönne meinen verstaubten Lungen einen Zug Morgenluft. Manchmal muss ich ausbrechen. Manchmal muss ich weg, weit weg! – Dann beschließe ich von einer Minute zur anderen, mich in den Zug zu setzen und ans Meer zu fahren. Am Meer kann ich atmen, fühle ich mich befreit von allem, was mich einsperrt. Da gibt es nichts, was nicht möglich ist: If there is one Place in the world, where I can feel totally free, it´s the ocean.

Mitte Juni war so ein Tag. Um meine Zehen in den Sand graben, die frische Meeresluft atmen und über die Wellen springen zu können, nahm ich in Kauf, an einem Sonntag um 6 Uhr aufzustehen. Während meine Freunde noch ihren Rausch von der Nacht zuvor ausschliefen, begab ich mich über Berlin Hauptbahnhof auf den Weg nach Rostock-Warnemünde. Im Zug fiel die erste Anspannung von mir. Die dreieinhalb Stunden Fahrt verbrachte ich damit zu zeichnen, Musik zu hören und die am Fenster vorbeiziehende Landschaft zu beobachten. Schon am Bahnhof von Warnemünde spürte ich die Luftveränderung. Noch mit Kopfhörern in den Ohren lief ich den alten Strom entlang. Es herrschte nicht das schönste Wetter, am Himmel türmten sich gewaltige Wolken. Diese sollten mich über den ganzen Tag begleiten, wodurch meine gute Laune jedoch keinen Schaden nahm. Ich wanderte die Steinmole hoch bis zum Leuchtturm.

Jedes Mal, wenn ich an diesem Punkt stehe, bemerke ich, wie klein wir Menschen doch sind. Ich bin nur ein paar Meter vom Strand entfernt und alles, was ich zurückgelassen habe, verschwimmt und verschwindet in der Ferne. Der Ort Warnemünde wird ganz winzig und die Wellen um mich herum wirken noch größer und tosender als direkt am Strand.

Die Meeresbrise wirbelte kleine Tropfen auf, der Wind trug sie zu mir, peitschte sie in mein Gesicht, auf meine Hände. Ich schloss die Augen und vergaß alles. Meine Finger waren taub vom kalten Wind. In diesem Moment war ich mir meiner kleinen Existenz, der Winzigkeit meiner Welt bewusst und spürte intensiv, dass ich lebe. – Ich öffnete die Augen. Meine Brille war so von Tropfen bedeckt, dass ich sie abnehmen musste, um wenigstens etwas zu sehen, wenn auch nun eher verschwommen. Ich hatte nicht bemerkt, wie stark der Regen inzwischen fiel. Außer mir stand niemand an der Spitze der Mole. Noch für einen Moment genoss ich die Einsamkeit, bevor ich umkehrte und mich in ein Café setzte. Nach einer guten Stunde waren die Regenwolken verflogen und ich wollte bezahlen. Blöderweise hatte ich am Vorabend vergessen, einen prüfenden Blick in mein Portemonnaie zu werfen, und ich musste nun mit Erschrecken feststellen, dass nicht genug Geld darin war, um diese Kleinigkeiten zu bezahlen. In der Hoffnung, dass meine EC-Karte noch nicht leer wäre, bat ich den Kellner, mit Karte zahlen zu dürfen. Als aber auch die ihren Dienst verweigerte, brach Verzweiflung aus mir heraus, was sich in lautem Lachen äußerte. Der Kellner musste auch grinsen. Ich drückte ihm mein restliches Bargeld in die Hand und sagte: „Tut mir wirklich unfassbar leid, aber mehr habe ich nicht.“ Gott im Himmel hab‘ ihn selig! Er lächelte und meinte nur: „Schon gut, ich kenn das.“ Ich drückte ihn und machte mich schnell aus dem Staub.

Wieder auf dem Weg zum Strand wich das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht. In diesem Moment war ich so glücklich, wie ich es lange nicht mehr gewesen war. Es regnete kaum noch. Ich lief weiter am Strand entlang, als ich es je getan hatte. Bis zum letzten Bademeisterhäuschen. Ich zog die Schuhe aus, lief durch den regenfeuchten Sand und wann immer eine verspätete Regenhusche vom Himmel rieselte, suchte ich entgegengesetzt der Windrichtung hinter einem Strandkorb Schutz vor der Nässe. Ich balancierte auf einer der Buhnen, rutschte aus, zog mir dabei einen großen blauen Fleck und nasse Hosenbeine zu, legte mich in den Sand schaute zum Himmel hinauf.

Man sagt, das Meer würde Sorgen ein- und Freiheit wieder ausatmen. In diesem Moment wusste ich, dass das stimmt. Ich fühlte mich frei und losgelöst von allem. Es gab nur mich und das Meer.
Gekürzte Fassung in der Printausgabe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*